Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das beste Sexsymbol der Welt der Woche

Die Göttin des empfindsamen Sexprekariats

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 12/13 vom 20.03.2013

Sie betrachte es als Freiheit, nicht permanent an ihrer körperlichen Attraktivität gemessen zu werden, sagte die amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham in einem Interview. Das Magazin Playboy hatte ihr die Frage gestellt, wie es für sie wäre, einen Tag lang in einem makellosen Victoria-Secret-Körper zu verbringen. "Lieber nicht“, wehrte Dunham ab.

Die 27-jährige New Yorkerin wurde mit der von ihr konzipierten Comedy-Fernsehserie "Girls“ bekannt, in der sie auch die Hauptrolle spielt. Im US-Sender HBO lief soeben die zweite Staffel, ZDFneo plant die Ausstrahlung der synchronisierten Fassung. Auf Europäer wirkt die Geschichte von vier New Yorker Frauen nach Ende des Studiums vielleicht etwas zu amerikanisch expressiv. Man nimmt ihnen ihre Klage über das prekäre Leben nicht so recht ab; wer Hunger leidet, hat nicht so coole Wohnungen und geht auch seltener auf Vernissagen.

Die Serie ist besonders, weil sie den Begriff des Prekariats auf die Liebe ausdehnt. Die von Dunham gespielte angehende Schriftstellerin Hannah Horvath verkörpert die Brüchigkeit des Ideals von Autonomie, das immer wieder mit dem Wunsch nach Anerkennung kollidiert. Horvath vögelt sich quer durch die männliche Umgebung. Vermeintlich weibliche Eigenschaften wie Schüchternheit und Schamgefühl scheinen ihr fremd; ihre zahlreichen Tattoos sind ein Schutzpanzer.

Auch wenn ihr Körper nicht sexy im Sinne der Playboy-Norm ist, stellt sie ihn mächtig und anmutig zur Schau. Es gibt aber auch Momente existenzieller Verlassenheit, in denen die Frau nach einer Party durch die dunkeln Straßen irrt. In denen sie ihren Liebhaber anbrüllt, weil sie die vereinbarte Gefühlskälte nicht mehr aushält. Die Performancekunst hat eine neue Göttin.


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