Fragen Sie Frau Andrea

Der Schnurrbart auf dem Finger

Kolumnen | aus FALTER 12/13 vom 20.03.2013

Liebe Frau Andrea,

neulich fragte ich einen Freund - er ist Tätowier-Experte -, ob der dichte schwarze Bart des durchgeknallten Modeschöpfers Harald Glööckler tätowiert sei. Mein Freund hielt seinen rechten Zeigefinger über die Oberlippe und schwieg. Was meinte er wohl damit?

Vielen Dank und freundliche Grüße,

Bettina Schuhrke, Landstraße

Liebe Bettina,

Ihr Freund hat sich eines Mems bedient, das als Finger-Moustache (finger moustache tattoo) oder Fingerstache bekannt wurde. Dabei handelt es sich um eine Tätowierung, die an der dem Mittelfinger zugewandten Seite des Zeigefingers gestochen wird. Das beliebteste Motiv ist ein an den Enden eingedrehter Kaiser-Wilhelm- oder zwirbelbartartiger, jedenfalls aber cartoonhaft stilisierter Oberlippenbart. Neben schnell gestochenen, aber permanenten Tattoos sind auch Rubbeltattoos und Filzstiftbemalungen des Mems im Umlauf. Der Finger-Moustache wird, meist überraschend, über die Oberlippe gelegt.

Viele Moustaches sind auf die Zeigefinger jüngerer Frauen tätowiert; Teenager werden in Zeiten von Fingerstache-Konjunkturen von Girlie-Gazetten und Modeketten mit Rubbeltattoos bedient. Als Ursprung wird die Rapperin Ella Wildie genannt, ein jüngeres Revival sieht im Tätowierer Giovani von High Street Tattoo in Columbus, Ohio, den Originator des Zeigefingerbärtchens. Er will im Sommer 2003 einem Typ namens Tom den ersten Finger-Moustache gestochen haben, dieser soll das Fun-Tattoo auf Myspace gestellt haben und damit die Schnurrbartlawine losgetreten haben.

Urbanmythologen wollen dem Finger-Moustache auch sexuelle Konnotationen zusprechen. So soll der Zeigefingerbart ein lesbischer Code sein. Aber auch im Heterounderground wird der Stache mit sexualpraktischer Bedeutung aufgeladen. So heißt es in pornotheoretischen Internetforen, der Bart stehe für die Bereitschaft der mit dem Moustache markierten Trägerin, Anal-Cunnilingus und Ass-Fingering zu praktizieren. Beim Gros der im Internet zirkulierenden Bilder von Männern und Frauen mit Finger-Moustache dürfen wir vergleichsweise profane Gründe für die Applikation des Tattoos vermuten: den harmlosen Spaß, Gendergrenzen zu betreten und dabei temporäre Kleinstverschiebungen vorzunehmen.


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