Tiere

Feime Reime

Falters Zoo | aus FALTER 12/13 vom 20.03.2013

Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Ein wunderbares Gedicht von F. W. Bernstein, das die Quintessenz der Existenz auf zwei zynisch zuckende Zeilen zuspitzt. Ihnen dünkt und deucht es schon, der Welttag der Poesie wird diese Woche am 21. März von feinzüngigen Menschen durch Rezitation raffinierter Reime begangen.

Die Unesco gebar diesen Aktionstag und fordert besonders Kinder und Jugendliche auf, Gedichte über Gewalt und Frieden zu schreiben. Die Idee ist gut, das Thema aber verfehlt. Was die Welt wirklich braucht, sind klare, kritische Tiergedichte, die einem Halt und Orientierung in diesen Zeiten der Wirrnis geben: "Im Ameisenhaufen wimmelt es, der Aff’ frisst nie Verschimmeltes.“ Wilhelm Busch war mit seinen Reimen für "größere Kinder und solche, die es noch werden wollen“, ein Wegbereiter für das moderne, pathosfreie Tiergedicht. In dieser Tradition entwickelte Christian Morgenstern die zoologische Lyrik weiter: "Der Rabe Ralf / Dem niemand half / Half sich allein / Am Rabenstein.“ Geradezu genial, wie subtil hier der Übergang von Lassalle’schen zu marxistischen Ideen in der Sozialdemokratie aus rohen Wortbrocken herausgemeißelt wird! Nach dem Zweiten Weltkrieg konterkarierte Heinz Erhardt in der Maske eines systemkonformen Biedermannes das deutsche Wirtschaftswunder und entblößte mit scharfem Finger und nackter Zunge die Entfremdung des neuen Mittelstands von der bäuerlichen Lebenswelt: "Träumend und das Maul bewegend, schaut se dämlich in die Gegend, grad wie du, die Kuh.“

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte das Tiergedicht mit der Neuen Frankfurter Schule. Vor allem F. K. Waechter, Robert Gernhardt und F. W. Bernstein entwickelten Adornos und Horkheimers kritische Gesellschaftstheorie am Beispiel dialektischer Tierlyrik weiter.

Anfänglich lag der poetische Fokus noch auf den Wirbellosen: "Die ärgsten Kritiker der Qualle / Haben sie selber nicht mehr alle.“ Doch dann griff Fritz Bernstein die in der Gesellschaft schwelende, aber noch richtungslose Elchkritik auf ("Wer geht so blöde übern Hof? Es ist der Elch, und der ist doof“). Er präzisierte die Struktur seiner Tierkritikkritik auf Basis der selbstreflexiven, vorschulischen Erkenntnis: Was man sagt, das ist man selber. Bernstein distanzierte sich von jeglicher Elchschmähung und geißelte alle Elchkritiker mit obzitiertem Vers. What a great po-8!

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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