"Celebrating Sacre“ in der Oper: Ein Frühlingsopfer im Gefangenenlager

Lexikon | Kritik: Herbert Schranz | aus FALTER 12/13 vom 20.03.2013

Hundert Jahre "Le sacre de printemps“ von Igor Strawinsky war Anregung für das Ballettprojekt "Celebrating Sacre“ (21.3., 19.30) der Oper Graz. Das Werk von 1913 ist ein Meilenstein der Moderne; Melodie, Rhythmus und Harmonik gingen ganz neue Verbindungen ein. Auch Claude Debussys "Prélude à l’après-midi d’un faune“ (1894) ist ein solcher Meilenstein. Gemeinsam mit "Daphnis et Chloé“ (1912) von Maurice Ravel entstand in "Celebrating Sacre“ ein Triptychon, das sich auf die damals polarisierenden Aufführungen der Ballets Russes in Paris bezieht. Ballettdirektor Darrel Toulon skizzierte in "Daphnis“ (Bostjan Ivanjsic aus Maribor in der Titelrolle) die Entwicklung zweier Hirtenkinder aus amorphen Urzuständen. Typische gesellschaftliche Entscheidungssituationen drängen deren Gefühlshorizonte zur Ausdehnung. Der Venezolaner Domingo Hindoyan führte die Grazer Philharmonikern in Ravels "Sonnenaufgang“ aus Zurückhaltung heraus zu breiter Klangpracht. Konzise und deutlich gelang dem Portugiesen Vasco Wellencamp der "Fauno“ Debussys als Traum. Bostjan Ivanjsic tanzte den Faun mit Spannkraft und eindrucksvollen Reminiszenzen an Posen Vaslav Nijinskys, dem Tänzer der Uraufführung (1912). Gegen den hohen Stilisierungsgrad der Musik Strawinskys und die Ästhetik der Ballets Russes choreografierte James Wilton das "Sacre“: Längere Passagen mit Orchesterschlägen werden allzu konkret interpretiert als Faustschläge eines Kampfs in einem bambusumgrenzten Gefangenenlager. Das vereinnahmt die Musik für eine teils prosaische Tanzinterpretation, in der jede, jeder zum Opfer werden kann.


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