Ohren auf Prog-Jazz made in USA

Seven, eight, nine: New York and Chicago are fine!

Feuilleton | aus FALTER 13/13 vom 27.03.2013

Ein attraktiver Mix aus Verlässlichkeit und Unberechenbarkeit macht das US-amerikanische Label Cuneiform Records zu einem kleinen Leuchtturm in der Musiklandschaft der Gegenwart. Wer sich für undogmatische, aber dennoch stringente Spielarten des zeitgenössischen Jazz und der Rockavantgarde interessiert, wird hier immer wieder fündig werden. Die jüngste Veröffentlichungsoffensive greift tief in den Kreativpool der Jazz-Szene aus Chicago und New York und trägt zudem dem Umstand Rechnung, dass die Welt dringend mehr Septette, Oktette und Nonette braucht.

Die Band des Posaunisten Curtis Hasselbring etwa, in der so aufregende junge Musiker wie Mary Halvorson (g) und Ches Smith (dr) dafür sorgen, dass rhythmische Raffinessen und ausarrangierte Ausgefuchstheiten nicht zur schieren Angeberei verkommen, und die verhindern, dass der postmoderne Ironieimperativ sein schmutziges Haupt erhebt. Kontrolliert, kühl und dennoch beseelt hat dieses ausgeschlafene Septett mit "Number Station“ ein Album aufgenommen, das den state of the jazz unserer Zeit mitdefiniert und mit "37° 56‘ 39“ by 111° 32‘“ die lässigste und beglückendste Groove-Nummer der Saison enthält.

Stärker dem Free Jazz verbunden ist das Rob Mazurek Octet, das in den semi-epischen Stücken der "Skull Sessions“ weniger auf exzessive Soli setzt als auf den Kontrast zwischen pulsierender Rhythmik und überraschend erblühenden Melodielinien, erratischer Elektronik und zarter Klangpoesie, mantraartigen Hooklines und kollektiver Ekstase.

Der Vibrafonist Jason Adasiewicz, der in dieser originell besetzten Band des Chicagoer Kornettisten Mazurek zu hören ist, hat auch entscheidenden Anteil an den flirrenden Klangflächen, die in den atmosphärisch dichten Chamber Jazz von Living By Lanterns eingelassen sind. "New Myth / Old Science“ knüpft ganz unnostalgisch an die Sixties an: Der Geist Eric Dolphys ist hier ebenso zu spüren wie die Anstrengung, jazzige Expression und die E-Musik zu einem Third Stream zu vereinen. KLAUS NÜCHTERN


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