Doris Knecht Logbuch

Sie könnten aber auch Fotos dabeihaben

Kolumnen | aus FALTER 13/13 vom 27.03.2013

20.3., 20.15 Uhr. Der Gips ist ab, zwei Wochen vor der Zeit. Hatte ihn in Leipzig matschig gehatscht, der Arzt fand, jetzt könne ich genauso gut ohne weitermachen. Mir recht. Am Nachmittag hinke ich mit dem Kind zur Ärztin, um den Ausschlag behandeln zu lassen, mit dem das Anime-Dienstreisen-Leiberl seine Haut überwimmerlt hat. Ja! Meine Schuld! Ich weiß, dass ich es zuerst hätte waschen sollen! Daneben zweimal für die Eltern gekocht, die mehrere Hinweise ignoriert hatten, es gebe im Jahr 362 bessere Tage für einen Wienbesuch als jene um eine Buchpräsentation, wo man eh fix und foxi ist, auch wenn einen keine Mutter zwingt, jetzt schnell den Dachboden zsammzuräumen, haben wir doch gleich. Als ich nach dem Abendessen in fleckigem Gewand und mit strähnigen Haaren auf die Eckbank sinke, blickt mein Vater von der Zeitung auf und fragt, ob diese Präsentation jetzt eigentlich heute oder morgen stattfinde. Es ist schön, Eltern zu haben, die der Arbeit ihrer Kinder die verdiente Bedeutung zumessen.

21.3., 16.12 Uhr. Meine Mutter fragt alle fünf Minuten, ob ich denn nicht nervös sei. Also sie wäre nervös. Ihr wäre das ganz furchtbar. Flucht in den Rabenhof.

22.20 Uhr. Präsentation überstanden. Im Backstage-Raum erzählen meine Eltern all meinen Freundinnen, dem feschen Fotografen und meinem Lektor, was ich für ein schwieriges, anstrengendes Kind gewesen sei. Ich habe ihnen bereits erklärt, dass es an und für sich von der Natur so vorgesehen ist, dass ein Kind in die Pubertät kommt, aber da, wo sie herkommen, gilt das noch immer als vaterundmutterentehrendes Verbrechen, für das man auch mit Mitte 40 noch bestraft werden muss. Es könnte schlimmer sein: Sie könnten Fotos dabeihaben, die mich als nackiges, moppeliges Baby in der Küchenabwasch und auf dem Topf zeigen. Ich kenne solche Fotos, die Mutter vom Langen hat sie all seinen Freunden gezeigt, als sie einmal auf seinem Konzert war. Es geht mir gut.

22.3., 6.30 Uhr. Der Lange, der mit mir in der Werkstatt übernachtet hat, damit wir nach langem Feiern ausschlafen können, weckt mich. Es gebe hier weder TV noch Computer noch Zeitungen. Ihm sei fad. Er wolle jetzt nach Hause. Ich bin zu kaputt für Widerstand.

23.3. Yuzu-Butter ist das neue Zitronengras. Alle essen jetzt Yuzu-Butter, die sie über dunkle Kanäle besorgt haben, und prahlen damit auf Facebook.

24.3. "Thomas Mann zum Beispiel. Das Werk, sagt man, okay, war ein Großer,, Buddenbrooks‘, viel Spaß. Was aber wirklich interessiert: die Pudelmaniküre, das Tabletten-Gefresse, die eingewachsenen Zehennägel.“ Harald Schmidt in der Frankfurter Allgemeinen. "Und dann natürlich Raddatz: Wieder mal kein Dankeskärtchen. Teuerste Butter habe ich aufgefahren. Dass ich Rosen schicke, wird nicht bemerkt.“ Ich bin kein Raddatz, aber gute Butter habe ich. Gut, keine Yuzu-Butter, insofern. F


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