Tiere

Glaubensfrage

Falters Zoo | aus FALTER 13/13 vom 27.03.2013

Schon Sir Winston Churchill wusste, dass man "bei Zitaten im Internet nie sicher sein kann, ob sie wirklich so gesagt wurden“. Und diese wahren Worte des weisen Visionärs gelten mittlerweile für jede Art von digitaler Information. Diese an allem nagende, systemimmanente Unsicherheit hat nicht nur jeden Glauben an Staat, Kirche und Presse in einem riesigen Sinkhole verschwinden lassen, sondern auch den traditionellen Aprilscherz zerstört. Früher, als Nachrichten noch geprüfte und rubrizierte Wahrheiten waren, die von höheren Mächten verlautbart wurden, war der 1. April ein Testtag für aufgeklärte Menschen, die zeigen konnten, dass sie zu jeglichen Autoritäten in kritischer Distanz standen.

Aber noch 1995, als das Internet am Medienhorizont erst morgenrot schimmerte, konnte das US-amerikanische Discover Magazine eine große Reportage über den Biologen Dr. Aprile Pazzo bringen, der in der Antarktis den Heißköpfigen Nackteisbohrer entdeckt hatte. Diese fleischfressende Tierart von der Größe eines Maulwurfs könne mittels seines gut durchbluteten Kopfes und einer Körpertemperatur von 43 Grad Celsius unterirdische Gänge durchs Eis schmelzen, um die Beute, unter anderem Pinguine, zu fangen. So sei auch das mysteriöse Verschwinden des Forschers Philippe Poisson (Poisson d’avril, frz.: Aprilscherz) im 19. Jahrhundert zu erklären. Discover erhielt daraufhin sogar Anfragen von zoologischen Gärten, die dieses Tier ausstellen wollten.

Das journalistische Prinzip guter Recherche "Check, recheck und crosscheck“ wurde aber mittlerweile - ohne gewerkschaftliche Billigung - auch von lesenden Laien übernommen, die keinen Wikipedia-Eintrag mehr ohne Quellenprüfung in ihre Volksschul-Hausaufgaben übernehmen würden.

Und so stehen wir heute am 1. April vor einer heruntergewitzelten Scherzruine, deren Überreste nur mehr von Marketingfirmen ausgebeutet werden: Die Fleischlaberl-Firma Burger King inserierte zu diesem Datum die Einführung eines Whoppers für die 32 Millionen Linkshänder in den USA. Wo bleibt da die subversive Seite dieses Aprilscherzes?

Ich hingegen kündige an, dass diese Kolumne fürderhin nur mehr als Twitternachricht erscheinen wird. Florian Klenk, der erst kürzlich nach Armin Wolf zu Österreichs wichtigstem Twitteraten ernannt wurde, meint nämlich, dass man jede Story auch in 140 Zeichen erzählen kann. =:0. F

iwaniewicz@falter.at

Zeichnung: püribauer.com


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