Kritik

Zeichenkunst: mit den Niederländern sehen lernen

Lexikon | aus FALTER 13/13 vom 27.03.2013

Man kann sich nur wundern, dass noch kein anderer Künstler diese Idee hatte: Mit digitalen Mitteln hat der Belgier Antoine de Roegiers den großartigen Zeichnungszyklus "Die sieben Todsünden" von Pieter Bruegel d.Ä. zu einem Animationsfilm verarbeitet. Die um 1550 gezeichneten Heerscharen von kleinen und großen Fabelwesen sind nun in orchestrierter Action zu sehen, die Sinnbilder für Sprichwörter legen ungehemmt lasterhaft los. Was davor der Fantasie des Betrachters überlassen war, die Praktiken von Wollust, Geiz, Trägheit, Völlerei, Neid, Zorn und Hochmut, laufen nun vor dessen Augen ab. Der Raum mit den Zeichnungen des sogenannten Bauern-Bruegels, Roegiers' zeitgenössischer Intervention und den Blättern von Hieronymus Bosch stellt den Höhepunkt der aktuellen Jubiläumsausstellung der Albertina dar.

Das Museum besinnt sich mit "Bosch Bruegel Rubens Rembrandt" seines Gründungsbestandes, wurde doch fast alle Blätter von Herzog Albert von Sachsen-Teschen selbst angekauft. Dieser erwarb auch Bruegels Federzeichnung "Maler und Käufer", wiewohl es den Kunstkenner spöttisch darstellt: mit Brille vor den Stielaugen, offenem Mund und umklammertem Geldbeutel; der Künstler wirkt hingegen genialisch in sich gekehrt. Es ist überhaupt eine Pracht, welche Schätze die Albertina jetzt erstmals in einer Überblicksausstellung versammelt und wie sie damit die Entwicklung der niederländischen Grafik von der Studienskizze bis zur autonomen Meisterzeichnung vermitteln kann. Von einer Kreuztragung Christi von 1470, bei der Veronika das Schweißtuch ins Leere reicht, über Hendrick Goltzius' innige Begegnung in "Bacchus mit jungem Faun" bis hin zu Cornelis Vrooms flimmernden Blätterwäldern beweist die Schau, dass nicht nur große Namen begeistern können. NS Albertina, bis 30.6.


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