Enthusiasmuskolumne  

Weh denen, die keine Eierharfe haben!

Diesmal: das beste Take-away-Food der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 14/13 vom 03.04.2013

Der Fortschritt in der Technik und das Voranschreiten der Zivilisation (das man nicht vorschnell mit einem Zugewinn an Zivilisiertheit gleichsetzen sollte) können als Triumph der Fern- über die Nahsinne interpretiert werden. Auf Facebook spielen Letztere nur eine untergeordnete Rolle. Umso mehr fällt es auf, wenn Reize für die Nahsinne auf einmal Zonen erobern, die für diese bislang weitgehend tabu waren.

Die aggressive Ausbreitung von Fastfood-Versorgern im urbanen Raum bringt es mit sich, dass es in unseren Großraumbüros und Dienstleistungsclustern auf einmal riecht wie in asiatischen Garküchen. Wo Mittagspausen einst streng separierte und rituell zelebrierte Auszeiten waren, wachsen die Arbeits- und Auszeitsphären unter der Dunstglocke eines olfaktorischen Pluralismus aus Hühnercurry, Gemüselasagne und Rindergeschnetzeltem wieder zusammen.

Statt sich der Kontrollmacht des Arbeitgebers für ein Schnitzel, zwei Seideln und einen kleinen Obstler lang zu entziehen, schwärmen die Subjekte der postmodern entregelten Arbeitsregime in die nächstgelegenen Take-away-Buden aus, um die polystyrolverpackte Mahlzeit dann vor dem Monitor am Arbeitsplatz zu verzehren.

Dass dies sowohl stil- als auch taktlos und darüber hinaus auch noch teuer ist, scheint niemanden zu stören. Dabei ginge es doch so viel billiger, rücksichtsvoller und umweltfreundlicher! Man besorgt sich ein gutes Brot und ein paar anständige Beilagen, legt beim nächtlichen Klogang die Butter aus dem Kühlschrank und bastelt sich, während man drei Stunden später den Bio-Assam aufbrüht und das "Morgenjournal“ hört, eine schöne Käsekresseklappstulle oder ein Schinkenbaguette mit Kren und eigenhändig erstellten Eierscheiben. Weh denen, die keine Eierharfe haben!


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