Fragen Sie Frau Andrea

Ja ähm, dürfen sie das überhaupt, ja ähm

Kolumnen | aus FALTER 14/13 vom 03.04.2013

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Ja ähm, dürfen sie das überhaupt, ja ähm

Liebe Frau Andrea,

seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass das Wort "ja“ eine inflationäre Verwendung erfährt. Auf der Straße, in der U-Bahn und - ja - auch im Fernsehen kommt es immer öfter an unangebrachter und - ja - störender Stelle vor. Wer hat damit angefangen? Kann man das stoppen? Mir geht das schon derartig auf die Nerven und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir irgendwie - ja - weiterhelfen könnten.

Herzlichen Dank im Voraus,

Gerhard Sorger, Emailhofen

Lieber, äh, Gerhard,

Ihre Wahrnehmungen einer gesteigerten Verwendung der Antwortpartikel "ja“ decken sich noch nicht mit den Ergebnissen meiner privatempirischen Feldforschungen auf dem Gebiet sprachlicher Belästigungen. Ich will Ihren Befund dennoch als Alarmsignal werten und der Durchdringung des öffentlichen Raums mit der "Ja“-Silbe in Zukunft gewichtete Aufmerksamkeit und ablehnende Würdigung widmen.

Bevor wir uns im sprachmagischen Gestus der Partikel und ihrer Funktion in der deutschen Sprache verlieren, darf ich den Verdacht äußern, dass die Mehrzahl Ihrer akustischen Beobachtungen im öffentlichen Raum das Personalpronomen "ich“ betreffen. Dieses wird in nahezu allen in Österreich gesprochenen slawischen Sprachen "ja“ ausgesprochen. Sensibilisiert auf das Wörtchen "ja“ sollten sie dieses auch in öffentlichen Konversationen hier lebender Russen, Ukrainer, Weißrussen, Kroaten, Serben, Bosnier, Slowaken, Tschechen und Polen hören.

Bei Verwendung von "ja“ als Synonym für "äh, ähm, also, na“ nimmt die inkriminierte Silbe die Funktion einer Diskurspartikel an. Hier sollten wir den Linguisten folgen, die den Füllseln eine Wichtigkeit zusprechen, die wir im sprachlichen Zweikampf gerne übersehen. Sie dienen dem Gehirn des Sprechenden, Sätze und Gedanken zu strukturieren, Fehler in semantischen Konstruktionen zu reparieren und das Gespräch zu strukturieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass dies durchaus zu beiderseitigem Nutzen geschieht. Auch die Hörenden profitieren von den Diskurspartikeln.

Meine Intoleranz im galoppierenden Diskurspartikelmissbrauch gilt dem Silbensalat "sozusagen“. "Sozusagen“ macht mich so rasend, wie sie das "Ja“. Sozusagen. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich es, sozusagen, selbst verwende. Ja.


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