"Lieber wieder weicher"

Nach ihrem Sitzkonzert im Burgtheater spielen Tocotronic jetzt ganz regulär im Gasometer

INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 14/13 vom 03.04.2013

Zehntes Album, 20. Geburtstag: das Jahr 2013 ist ein ganz besonderes für Tocotronic. Anfang Februar präsentierte die deutsche Band um Sänger Dirk von Lowtzow ihr neues Werk "Wie wir leben wollen" bei einem speziellen Konzert an der Burg, jetzt heißt es wieder: zurück zum Beton!

Falter: Tocotronic klingen 2013 vielschichtiger und sanftmütiger als zuletzt. Ein Ergebnis der Aufnahme mit analogem Equipment aus den 50er-Jahren?

Dirk von Lowtzow: Ja, aber es war auch eine bewusste Entscheidung, lieber wieder weicher klingen zu wollen. Unsere letzten drei Alben sind mehr oder weniger live im Studio entstanden und waren dadurch stark von unserer Rockseite beeinflusst. Unsere Popaffinität ist dabei ein wenig ins Hintertreffen geraten, obwohl mir Pop als Hörer viel lieber ist als Rockmusik. Nach "Schall & Wahn" sagten wir daher: Lasst uns als nächstes doch wieder ein opulentes Popalbum machen!

Meine acht-und zehnjährigen Töchter haben Tocotronic mit "Wie wir leben wollen" für sich entdeckt und singen jetzt begeistert: "Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung."

von Lowtzow: Sehr schön. Ein paar Lieder der Platte sind ja auch wirklich kinderliedmäßig. "Neutrum" hat etwas Vaudeville-artiges, und "Chloroform" ist die Kinderversion von Countrymusik. Die Idee dazu war tatsächlich, so etwas wie ein perverses Kinderlied zu machen. Bestimmte Arten von kinderaffiner Musik finde ich super. Broadwaysachen etwa, auch der Soundtrack des Muppets-Films ist toll. Frühe Sachen von David Bowie oder Harry Nilsson haben auch oft etwas Kinderliedmäßiges.

Die Liebe ist ein wichtiges Thema der Platte. Allerdings eigenwillig in Szene gesetzt: "Ich will für dich nüchtern bleiben" singen Sie oder "Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools", wo man unwillkürlich an gemeinsames Sterben denkt.

von Lowtzow: Das hat etwas Melodramatisches, ja. Gleichzeitig ist die zugehörige Musik eine Mischung aus Joy Division und Roxy Music, der Grund des Swimmingpools könnte auch eine Disco sein, die sich eben so anfühlt. Es ist eine campy Liebeserklärung. Bei "Ich will für dich nüchtern bleiben" ging es darum, das Thema Drogensucht und Alkoholismus von der Nüchternheit her zu besingen. Das führt einen natürlich zur Liebe, da Liebe und Sucht zwei ähnlich starke Gefühle sind. Das Begehren nach einem Menschen und das Begehren, eine Droge einzunehmen. Für den Süchtigen ist es ein unglaubliches Opfer, für die geliebte Person auf den Drogenkonsum zu verzichten. Und auch sehr schwierig.

Ist der christliche Glaube in Ihr Leben getreten?

von Lowtzow: Nein, überhaupt nicht, warum denn?

"Die Revolution wird am Ende den Tod abschaffen", singen Sie. Klingt ganz nach Paradiesversprechen.

von Lowtzow: Tatsächlich geht das auf ein Gespräch zwischen Theodor Adorno und Ernst Bloch zurück. Die beiden schwadronieren sich, vielleicht schon recht weinselig, in Rage. Adorno über seinen Revolutionsbegriff, Bloch über seinen Utopiebegriff, und an einer sehr bemerkenswerten Stelle sagt Adorno sinngemäß: "Man kann überhaupt keine Utopie denken, wenn man nicht fest an die Abschaffung des Todes glaubt." Die Abschaffung des Todes ist also überhaupt erst die Voraussetzung, dass die Revolution erfolgreich oder eine Utopie durchsetzbar ist. Ein unglaublich toller Gedanke! Davon ausgehend fand ich es interessant, in einem Songtext biblische und marxistisch-revolutionäre Begriffe miteinander zu kreuzen, um so eine leicht apokalyptische Atmosphäre zu schaffen.

Nach Hans Platzgumer, der einst Ihr viertes Album "Es ist egal, aber" produziert hat, gibt es mit der Thereministin Dorit Chrysler jetzt wieder einen österreichischen Beitrag zu einer Tocotronic-Platte. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

von Lowtzow: Wir wussten gar nicht, dass Dorit Chrysler ursprünglich Österreicherin ist. Unser Produzent Moses Schneider kannte sie aus New York, während einer Europatournee kam sie dann zu uns ins Studio. Eine ausgesprochen glamouröse und interessante Person: die Kim Gordon des Theremins, würde ich sagen. Ich habe sie englisch angesprochen, aber dann outete sie sich als Steirerin. Lustig.

Wie hat es Ihnen zuletzt im Burgtheater gefallen?

von Lowtzow: Es war ein wunderbarer Abend, aber offen gesagt ist es irgendwie schon netter, wenn das Publikum bei Konzerten steht. Man fühlt sich dann doch etwas weniger angeglotzt.

Gasometer, Di 20.00


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