Kommentar  

Sprachpolizisten, aufgepasst: "Mischlinge“ ist nicht böse

Political Correctness

Falter & Meinung | Barbara Tóth | aus FALTER 15/13 vom 10.04.2013

Eines vorweg: Das En-miniature-Forum Twitter ist der letzte Ort, an dem man Debatten mit vernünftigem Tiefgang führen kann. Das ist die wenig überraschende erste Lehre, die man aus dem Shit- und Candystorm ziehen kann, der sich über das Wiener Migrantenmagazin Biber ergoss.

Was haben die serbisch-, türkisch- oder kroatischstämmigen Jungjournalisten gemacht? Sie titelten ihr jüngstes Cover mit der markigen Zeile "Mischlinge. Erkennst du den Mix?“. Neun schöne Gesichter sind zu sehen. Es geht, wie bei Biber so oft, um das Spiel mit ethnischen und identitären Zuschreibungen, das ironische Brechen von Klischees und logischerweise auch um Provokation.

Dürfen die das? Ist "Mischling“ nicht ein grausiges Nazi-Wort und das Ganze eine Form von hipper Eugenik? Natürlich, aber reicht dieses Argument schon aus, um Biber, wie in der Twitterkratie geschehen, in die Rassistenschublade zu stecken? Zeigt uns die Debatte nicht vielmehr, dass die üblichen Political-Correctness-Kategorien oft schrecklich alt aussehen?

Sich die Deutungshoheit über Schimpfwörter zurückzuholen ist eine bewährte Methode, als Minderheit sein Selbstbewusstsein zu festigen. Schwarze nennen einander "nigger“. Juden bezeichnen sich als solche und nicht als "jüdische Mitbürger“, wie es Politiker gerne machen.

Warum sollen sich "Neo-Österreicher“ (auch das so eine ungelenke Politikerwortschöpfung) nicht selber Mischlinge oder "Tschuschen“ rufen? Wer würde einen "Retro-Österreicher“ davon abhalten, "Schwabo“ zu sich zu sagen?

Wirklich problematisch ist es, ihnen allen auf 140 Zeichen vorschreiben zu wollen, wie sie sich nennen dürfen und wie nicht.


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