Enthusiasmuskolumne  

Die Kunst des richtigen Löffellegens

Diesmal: die beste Adelsserie der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 15/13 vom 10.04.2013

Wie wird es wohl einem britischen Zuseher gehen, der diese TV-Serie sieht? In "Downton Abbey“ (die zweite Staffel läuft gerade auf ATV, Sonntag, 20.15 Uhr) kommt alles zusammen, was jemand hassen muss, der im Vereinigten Reich der Schnösel und Snobs aufgewachsen ist: die Beweihräucherung der aristokratischen Vergangenheit, Klassendünkel und Modernisierungsresistenz.

"Nirgends hat sich die Gegnerschaft zwischen den Anstandsregeln und ihrem Geschöpf, der Langeweile, so heftig fühlbar gemacht wie in England“, schrieb der französische Dandyforscher Jules Barbey d’Aurevilly bereits 1844. Aus kontinentaleuropäischer Distanz lässt sich die Produktion des Autors und konservativen Politikers Julian Alexander Kitchener-Fellowes als Beispiel ausgefuchster Dramaturgie und treffender Gegenwartsdiagnose konsumieren.

Während Hipster-Serien wie "Mad Men“ oder "Girls“ sich darauf verlassen, dass Verstöße gegen den auf Hedonismusbekämpfung eingestellten Zeitgeist den Figuren Leben einhaucht, macht "Downton Abbey“ die Spaßbremsung zum Stilprinzip. Alles dreht sich in der rund um den Ersten Weltkrieg spielenden Handlung um das Vermeiden von Fehlern. Die Lords und Ladys, Butler und Zofen richten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, dass kein Löffel falsch liegt, kein falsches Wort fällt. Eine unschickliche Körperberührung kann dramatische Folgen haben. Brave Helden wie John Bates müssen leiden, damit es ihnen nicht zu leicht fällt, ein Guter zu sein.

Auf subtile Weise drückt die Fernsehproduktion die zeitgenössische Sehnsucht nach Rücksichtnahme aus. Wer den inneren Terror kennt, richtig zu reden, zu essen und Komplimente zu machen, findet in "Downton Abbey“ ein Spiegelbild seiner selbst.


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