Logbuch

Perfekte Mutter, ist doch gar nicht so schwer

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 15/13 vom 10.04.2013

Doris Knecht macht diesmal alles richtig

3.4., 16.20 Uhr. Der Lange, der die Mimis sonst immer mit dem Auto zum Sportunterricht in die X-Schule bringt und wieder abholt, ist im Waldviertel, also bringt man sie mit der Bim hin. Bevor die Mimis aussteigen, um den Rest des Wegs mit einer älteren Kollegin zu gehen, wird ihnen noch einmal ganz genau die Heimkehrstrategie erklärt: Ein Taxi wird um Punkt 19.10 Uhr vor der Schule warten, der Fahrer wird eure Namen und die Adresse kennen, ihr steigt ein, fahrt nach Hause, ich zahl das Taxi dann. Alles klar, schafft ihr das? Jaha, Mutter!

18.05 Uhr. Man ruft beim Taxiunternehmen an und gibt die Adresse der X-Schule durch, die man vorher sicherheitshalber noch einmal im Internet verifiziert hat, die Heimadresse, die Telefonnummer, man lässt alles noch einmal wiederholen. Gut, danke.

19.02 Uhr. Zur Feier des neuen Schritts Selbstständigkeit der Mimis kocht man ihr Zweitlieblingsabendessen, Dessert ist schon im Kühlschrank, Tisch gedeckt. Das Handy lässt man seit einer halben Stunde nicht aus den Augen.

19.11 Uhr. Nachdem man gecheckt hat, dass man Schlüssel und Handy in der Jackentasche hat, stellt man sich vors Haus und wartet. Perfekte Mutter, ist doch gar nicht so schwer.

19. 39 Uhr. Acht Taxis sind schon vorbeigefahren, keines enthielt die Mimis. Es ist kalt. Man holt das Handy raus, schauen, wie spät es ist. Das Handy zeigt drei Anrufe des Taxiunternehmens, je vier von jedem Mimi, drei unbekannte, drei einer Buchhandlung in der Nähe der X-Schule. Es wird einem klar, dass man das Handy nicht wieder laut gestellt hat, nachdem man es im Spital, bei der Haxen-Kontrolle, still schaltete. Man ruft in der Buchhandlung an und erfährt, dass zwei aufgelöste Mimis dort Asyl gefunden haben, man kriegt sie ans Telefon: Kein Taxi sei gekommen, man habe EWIG gewartet! Und warum hebst du nicht ab????

Man ruft das Taxiunternehmen an und brüllt - das ist doch nicht möglich, Himmelherrgott!!! - jemanden zusammen, der schwört, der Fahrer habe zehn Minuten vor der X-Schule gewartet, und man habe ja versucht, anzurufen. Äh, ja. Man bestellt ein neues Taxi zur Buchhandlung, und während man weiter wartet, steigt ein Verdacht in einem hoch: Hat man das Taxi zur richtigen Adresse geschickt? Sicher. Oder? Findet das Training nicht in der Y-Schule statt, in der Parallelgasse der X-Schule? Der Verdacht - hat man das nicht schon einmal verwechselt? - verklumpt sich magenwärts zur Gewissheit.

19.44 Uhr. Man nimmt vom Taxifahrer zwei schluchzende Mimis entgegen und entschuldigt sich ungefähr eine Million Mal.

19.48 Uhr. Während die Mimis finster in dem Essen stochern, das, was sie bitte schon mehr als einmal zur Kenntnis gebracht haben, schon lange nicht mehr zu ihren Lieblingsessen gehört, versichert man ihnen, wie großartig sie das gemacht haben, und sich selbst, dass sie das gewiss stärker gemacht hat, ganz bestimmt. Perfektion: Sag ich doch.


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