Theater Kritik

Ein halber Kerl: Mythos als Bürde

Lexikon | WK | aus FALTER 15/13 vom 10.04.2013

Die Bühne (Bettina Meyer) zitiert aktuelle Attraktionen des Wurstelpraters, vor allem die Hochschaubahn "Dizzy Mouse". Ansonsten aber versucht Regisseurin Barbara Frey nicht wirklich, Franz Molnárs hundert Jahre alten Evergreen "Liliom" in die Gegenwart zu übertragen. Das ist an sich kein Problem, weil das Stück in seinem Kern ein Märchen und als solches sowieso zeitlos ist. Aber die Bühne, die etwas verspricht, was dann gar nicht stattfindet, ist ein Indiz für eine ästhetisch nicht sonderlich ehrgeizige Inszenierung, die sich ganz auf das Stück und die Schauspieler verlässt. Auf die kann sie sich aber auch verlassen.

Nicholas Ofczarek legt den allzeit gewaltbereiten Praterstrizzi Liliom interessant gebrochen an. Die Hände vergräbt er stets in den Taschen seiner Hose, deren Farbe (altrosa!) mutiger ist als ihr Träger (Kostüm: Esther Geremus). In den ersten Szenen scheint Ofczarek neben sich zu stehen; sein Liliom ist kein ganzer, sondern nur ein halber Kerl; die zweite Hälfte, sein eigener Mythos, lastet wie eine Bürde auf ihm. Erst nach der Pause, im Jenseits, hat Liliom zu sich gefunden, und Ofczarek kann jetzt endlich frei aufspielen.

Katharina Lorenz als Lilioms geschlagene Frau Julie agiert mindestens so autistisch wie ihr verschlossener Gatte. Da sieht man, dass auch zur Kommunikationslosigkeit immer zwei gehören! Mavie Hörbiger und Michael Masula als spießiges Kontrastpaar, Barbara Petritsch als brutal verliebte Ringelspielbesitzerin und Peter Matic als himmlischer Beamter machen das starke Ensemble komplett. Etliche kleine Rollen wurden übrigens gestrichen. Hat das Burgtheater etwa nicht genug Schauspieler?

Burgtheater, Sa 19.30, So 19.00


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