Kunst Kritik

NS-Geschichte: mehr als nur braune Flecken

Lexikon | NS | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft gehört schon seit geraumer Zeit zu den neuen Schwerpunkten der Akademie der bildenden Künste, und regelmäßig werden Projekte präsentiert. In der jetzigen Schau "Laboratorium Österreich" sind Tal Adler, Friedemann Derschmidt, Shimon Lev und Karin Schneider dem kollektiven Umgang mit Geschichte hierzulande nachgegangen. Die Opferrolle, die Österreich nach dem Krieg für sich pachten konnte, steht dabei im Zentrum.

Dieser Umgang lässt sich exemplarisch aus der Diskrepanz zwischen älterer und neuerer Geschichtsschreibung ablesen, wie sie etwa in den Wiener Bezirksmuseen zu finden ist. Historische Figuren wie der antisemitische Bürgermeister Karl Lueger oder der nationalsozialistische Schriftsteller Josef Weinheber werden dort als große Söhne ihres jeweiligen Grätzels präsentiert. Das Fotoprojekt "Vienna - Fragments of a short visit" von Tal Adler und Karin Schneider fängt Momente solch zwiespältiger Museumspräsentationen ein. Es geht aber nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um eine differenzierte Beschäftigung mit dem Konstrukt Geschichte. So ist begleitend zu der Fotoserie "Leveled Landscapes", die an Orten wie den Swarovski-Kristallwelten oder bei Wiener Denkmälern entstanden ist, ein für die Besucher zugängliches Archiv mit Material zu Zwangsarbeit und Ähnlichem ausgestellt.

Eine besonders eindrückliche Installation steht am Ende der Schau: Der Künstler Friedemann Derschmidt hat in Dachböden Andenken an seinen Urgroßvater Heinrich Reichel, einen Nazi-Eugeniker, gefunden. Zu dem Projekt "Reichel Komplex" zählt ein Stammbaum mit dessen ideologischen Verästelungen. Spannend auch das Internetforum, in dem sich Derschmidts Verwandte zur Familiengeschichte austauschen können.

Akademie der bildenden Künste, bis 28.4.


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