Logbuch

Schreien und weinen ist zum Beispiel nicht so gut

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

10.4., 13.10 Uhr. Berlin mit dem Langen. Es ist das erste Mal, seit wir die Mimis haben, dass wir gemeinsam verreisen, nur wir zwei. Wir schmeißen unsere Sachen ins Hotel, dann gehen wir zum Vietnamesen, essen warmen Glasnudelsalat und Suppe und trinken Tiger Beer. Schön. Wir sitzen dort ein bisschen und schauen zum Fenster hinaus. Wenn ich mich für den Rest meines Lebens für eine einzige Speise entscheiden müsste, von der fortan zu leben wäre, dann wäre das vietnamesische Suppe, keine Frage; und es wäre, glaub ich, kein großes Problem.

13.22 Uhr. Das Mimi ruft das erste von mehreren Malen an, es teilt mit leiser, brüchiger Stimme mit, es sei ihm beim Turnen schwarz vor Augen geworden. Letztes Mal, in Leipzig, bin ich wegen eines ähnlichen Anrufs zu spät zu meiner eigenen Lesung gekommen, aber in der Zwischenzeit habe ich begriffen, dass es sich hier um eine spezifische Form von Kontrolle und emotionaler Nötigung handelt.

Das Kind will der Mutter ein paar konkrete, gerne auch extreme Gefühlsäußerungen entlocken, um die Distanz, die die Mutter mit einem Flugzeug zwischen sich und das Kind gelegt hat, temporär zu verringern und sich mittels der hörbaren Empathie am anderen Ende der Leitung der Stabilität der Bindung zu versichern.

Jedenfalls muss man dem Kinde in einem derartigen Fall, das weiß ich jetzt, erwachsen, gelassen, liebe- und verständnisvoll, aber unbedingt unhysterisch entgegentreten. Nicht gut ist zum Beispiel, offen Besorgnis zu zeigen, in Geschrei oder Tränen auszubrechen und dann auch noch das andere Kind ans Telefon zu holen, um es an der Hysterie teilhaben zu lassen. Nein, das ist nicht gut.

19.40 Uhr. Gut ist dagegen, zwischendurch einmal ganz informell bei der Asylfamilie anzurufen und zu erfahren, dass beide Mimis, zumindest in ihrer Gegenwart, frohgemute Tage und Abende in eitler Wonne erleben, ganz ohne Ohnmachts- und andere Anfälle, jetzt zum Beispiel tanzen gerade alle Kinder zu Abba. Will man Fotos sehen? Nein, danke. Lieber noch einen Gin Tonic, bitte.

11.4., 11.05 Uhr. Hamburger Bahnhof. Kippenberger, einfach immer ein Glück. Es tut der Seele gut, sein Werk wieder einmal zu sehen, sich von seinem hinreißenden, weisen Witz anwehen zu lassen. Er war erst 44, als er starb, jünger als man selbst. Praktisch auch, dass es hier einen Museumsshop gibt, in dem sich die Mitbringselproblematik mit einem Schlag auf hohem Niveau lösen lässt. Es gäbe hier auch das schöne und lustige Kinderbuch "Fade Insel“ von den Herren Gelitin, aber das haben wir schon.

20.50 Uhr. Grill royal mit Sedlacek und Frau. Überraschenderweise und entgegen der leisen Befürchtungen, die man mit hierher nahm, hauen sich der Lange und Sedlacek nicht in die Goschn, sondern verstehen sich wie Brüder. Schöner Abend. Es stimmt im Übrigen nicht, dass man nach einem doppelten Knöchelbruch ein Jahr lang nur Wanderschuhe tragen kann.


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