Fragen Sie Frau Andrea

Vom Zahnstochern im Restaurant

Kolumnen | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Liebe Frau Andrea,

unlängst im Restaurant, nach faserigen Leckerbissen (Schulterscherzel samt Beilagen), schnappe ich mir einen Zahnstocher und beginne - natürlich unter Wahrung der mir kenntlichen Regeln des guten Benehmens -, die betroffenen Zwischenräume zu säubern. Nach kurzer Zeit ist’s vollbracht, und es stellt sich mir die Frage: Wohin mit dem benutzten Hölzchen? Mit der Bitte, mir diese Verlegenheit beim nächste Ma(h)le zu ersparen,

verbleibt stochernd,

Ihr Reinhard Schön, Emailhofen

Lieber Reinhard,

das von Ihnen beschriebene Problem gehört zu den Herausforderungen zeitgenössischer Etikette. Es stellt hohe Ansprüche an das Taktgefühl, kann aber mit Kenntnis der akut zirkulierenden Benimmregeln leicht gemeistert werden. Immer mehr Zeitgenossinnen und Zeitgenossen geraten in Unpässlichkeiten der von Ihnen wahrgenommenen Qualität. Aschenbecher werden in Nichtraucherlokalen kaum mehr gereicht, der Weg zum nächsten Mülleimer ist unbekannt, ein Verbergen des spitzen Gegenstands in Hosentaschen kommt nicht infrage, das Ablegen des Hölzchens in des Kellners Hand ist mit Unschicklichkeit verbunden, Servietten oder ähnliche Accessoires zur unauffälligen Verpackung wurden meist schon abserviert.

Experten raten vom Gebrauch von cure-dents überhaupt ab. Trotz seiner geschichtlichen Bedeutung, die schon in der Steinzeit beginnt, ist der Zahnstocher kein probates Mittel zur Interdentalreinigung mehr. Längst haben ihm Zahnzwischenraumbürsten den Rang abgelaufen, die mittlerweile in jedem Drogeriesupermarkt angeboten werden.

Stochern zählte nie zu gutem Benehmen. Man entschuldigte sich bei Vorliegen von Faseralarm stets mit dem Gang in den Puderquastenraum. Fragen wir uns nun, wie man die beabsichtigte Abwesenheit vorbringe: "Ich habe einen Kurztermin beim Dentalflossisten“ oder "Ich muss mal für kleine Zahnärzte“ gelten als brauchbare Ansagen. Auch das Verhüllen des Tabuwortes mit ausländischen Begriffen für den Zahnspan darf beim Gang in den Stocherraum empfohlen werden. Hauchen Sie "stuzzicadenti!“ (Italienisch), "dentopinglo!“ (Esperanto) oder "hammastikku!“ (Finnisch). Am elegantesten wird vom urbanen Publikum die indonesische Variante bewertet: "tusuk gigi!“


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