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Falters Zoo | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Die besten Schlagzeilen letzte Woche lieferte ein nur scheinbar banales Modeuntensil: die Tasche. Zuerst erstaunte uns die Nachricht, dass Karl-Heinz Grasser eine 5650 Euro teure Aktentasche besitzt. Und während wir uns noch über den Preis wundern, erfahren wir, dass einer Touristin ihre Handtasche im Wert von 30.000 Euro gestohlen wurde. Das ist auch erst gehobene Mittelklasse, denn die Höchstpreise im Bag-Business steigen quasi stündlich: Im September 2012 lag noch eine "Hermès Bleu Roi Shiny Porosus Crocodile Birkin“ mit circa 72.000 Euro an der Spitze. Da man aber selbst mit Leder aus handmassierten Krokodilembryos auf dem Taschenmarkt keine sechsstelligen Preise erzielen kann, brachte Hermès im März 2013 eine "Tasche“ aus 18-karätigem Roségold und mehr als 1160 Diamanten um 1,5 Millionen Euro an die Kundin. Der Tragegriff hat die zarte Anmutung eines Fahrradpanzerschlosses, und über das Gewicht schweigt man sich vornehm aus. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Tasche jedenfalls interessant. Zu Beginn der menschlichen Zivilisation stand ein Sack. Die Kräfte der Selektion ließen die ursprüngliche Funktion des Lastentransports zunehmend verschwinden und formten eine Vielzahl an Formen und neuen Arten; Umhäng-, Schulter-, Einkaufs-, Henkeltaschen, Swing Bags und - als Krone der Schöpfung - die Clutch. Dieses in den 1920er Jahren in Deutschland noch "Unterarmtäschchen“ genannte Accessoire entspricht einem außerhalb des Körpers getragenen Wurmfortsatz. Ursprünglich hatte dieses Anhängsel des Blinddarms bei den Vormenschen eine wichtige Funktion als Bakterienspeicher für die Zersetzung zellulosereicher Nahrung. Genauso beinhalteten die Vorfahren der Clutch für die Partnerwahl wichtige Dinge wie Kosmetika, Liebesbriefe, Amulette, Ersatzunterwäsche etc. Heute bekommt man keine Kreditkarte mehr in diese Lederkuverts. Aber auch die "Aktentasche“ der Männer transportiert längst keine Büroordner, sondern hauptsächlich Pistolen, Drogen, Dildos und Kondome.

Auf dem Modemarkt sind Taschen der am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor. Die britische Zeitung The Daily Telegraph berichtete über eine Studie, nach der eine durchschnittliche britische Frau 21 Taschen besitzt, alle drei Monate eine neue erwirbt und im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt 11.000 Euro für Taschen ausgibt. Darüber wird der Karl-Heinz nur milde lächeln.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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