Theater Kritik

Ballaballa-Theater: Ödipussi aus Wien

Lexikon | W K | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Mit "Ödipus in Wien" überschreibt Heinz Politzer in seinem Standardwerk zu Franz Grillparzer jenes Kapitel, in dem das frühe Stück "Die Ahnfrau" (1817) analysiert wird. Wie König Ödipus in der Sophokles-Tragödie, die später einer psychoanalytischen Hauptthese Pate stand, ermordet auch Grillparzers Held Jaromir den Vater und begehrt die Mutter -unwissentlich, versteht sich. Weil die Schatten der Vergangenheit, die auf der Gegenwart lasten, bei Grillparzer aber durch ein Gespenst (eben die Titelfigur) personifiziert werden, hat Freud sich von der "Ahnfrau" ausdrücklich distanziert. Der Professor sah darin wohl nur ein von schnödem Aberglauben motiviertes Schauerdrama - und tat Grillparzer damit unrecht. Ein schwieriger Fall ist das zum Teil recht schwülstige Versdrama heute aber schon, weshalb es auch nur sehr selten gespielt wird.

Auch Matthias Hartmann, der die "Ahnfrau" jetzt im Kasino inszeniert hat, war davon nicht wirklich überzeugt. "Dieses Stück habe ich nicht etwa gewählt, weil ich glaube, damit einen besonderen literarischen Schatz zu heben", verriet er in einem Standard-Interview. "Sondern weil sich dieser Ballaballa-Text am besten für ein formales Experiment eignet." Dagegen wäre im Prinzip nichts zu sagen: Man muss einen Text als Regisseur nicht unbedingt gut finden. Aber irgendetwas sollte einen daran schon interessieren. Und wenn der Text nur als Material für ein "formales Experiment" dient, dann sollte dieses darüber hinausgehen, Szenenanweisungen laut vorlesen zu lassen und Männer in Frauenkleider zu stecken. Überhaupt haben die Schauspieler hier die undankbare Aufgabe, augenzwinkernd mitspielen zu müssen, dass das, was sie da spielen, nicht wirklich ernst zu nehmen ist. Die Frage, warum sie es dann überhaupt spielen, bleibt unbeantwortet. Ballaballa-Theater.

Burgtheater-Kasino, nächste Vorstellung 30.4., 20.00


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