Neue Oper bei Out of Control: Heißt es am Amazonas "Tilt!" oder stürzt der Himmel ein?

Heinz Rögl | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Netzzeit präsentiert bei Out of Control, seinem Festival für Neues Musiktheater, eine Produktion, die schon bei der Biennale 2010 in München, dann in Rotterdam und Sao Paulo gezeigt und nun für Wien weiterentwickelt wurde. In dem zweiteiligen Projekt geht es um die Situation am Amazonas. "Tilt!" mit der von Klaus Schedl komponierten Musik ist die Collage eines Entdeckungsberichts von Sir Walter Raleigh, der bei seiner Orinoko-Expediton nahe dem Gebiet der dort lebenden Yanomami jene Gegend vermutete, die die Spanier "El Dorado" nannten. Raleigh empfahl koloniale Landnahme und Besitzergreifung samt Vernichtung der Königin und Goldraub. Das Geschehen wird vor drei Video-Wänden durch drei Schauspieler (Mafalda De Lemos, Moritz Eggert, Christian Kesten) dargestellt, die Usurpierung des Landes durch die europäische "Kultur" wird von dem Ensemble piano possibile, einer Techno-Metal-Elektronik-Band, musikalisch unterlegt.

Der zweite Teil schildert die Sicht der Einheimischen. "A Queda do Céu!" ("Der Einsturz des Himmels") wurde nach den Mythen der Yanomami entwickelt, die den Fortbestand des Regenwaldes beschwören, andernfalls die Weißen alles vernichten würden. Hier ist alles auf eine vokal virtuose Leistung zweier Darsteller (Christian Zehnder als Schamane und Phil Minton als dessen Gegenspieler), sowie weiteren Sängern, Schauspielerinnen und Tänzern fokussiert. Der Brasilianer Tato Taborda bezog Momente indigener Klänge und Klangwelten in seine Komposition ein. "Auf der Bühne ein Labyrinth. Wie im amazonischen Wald ist es dunkel; die Ohren werden zu Augen. Denn: Wenn Du den Jaguar siehst, bist Du schon tot", sagt die Gruppe Netzzeit voraus, deren Leiter Michael und Nora Scheidl auch eine Reise zu den Regenwald-Indigenen in Brasilien unternommen haben und dort Kontakte zu ethnokulturellen Forschern knüpften. Sie erzählen begeistert, wie die nomadisierenden Familienclans der Yanomami darauf achten, den Wald nicht dauerhaft zu zerstören.

Naturgeprägte Emotion steht also gegen besitzgieriges Kalkül, das ist auch - frei nach Erich Fromm - das Motto des diesjährigen Festivals: Haben oder Sein.

Museumsquartier, Halle E, 25. bis 27.4.


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