"Gewalt spielt eine Riesenrolle"

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf über ihr Doku-Projekt "Das Kind" im Volkstheater

Interview: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 16/13 vom 17.04.2013

Die Regisseurin Jacqueline Kornmüller, 52, hat dem deutschen Stadt- und Staatstheater vor ein paar Jahren den Rücken gekehrt. Sie zog nach Wien und gründete mit Peter Wolf, 47, die Theatergruppe Wenn es soweit ist. Am Volkstheater inszenierte Kornmüller vorige Saison den dokumentarischen Theaterabend "Die Reise". Darin erzählten 30 Migrantinnen und Migranten ihre Geschichte. Diese Woche hat das Nachfolgeprojekt "Das Kind" Premiere: Diesmal erzählen 30 Menschen zwischen sechs und 65 über ihre Erfahrungen mit Erziehung.

Falter: Auf "Die Reise" folgt "Das Kind". Wird das eine Serie?

Jacqueline Kornmüller: Nein, es ist das letzte Mal!

Peter Wolf: Obwohl dieses System schon toll ist: Man kommt wirklich an den Kern der Dinge - jenseits von dem, was man so liest oder selber denkt. Man fängt bei null an und hört einfach mal, was da so kommt. Die Interviews, die wir mit den Kandidaten führen, sind zugleich Recherche für den Abend - das war dieses Mal noch stärker so als bei der "Reise". Und es ist etwas ganz anderes dabei herausgekommen, als wir ursprünglich dachten.

Was dachten Sie denn?

Kornmüller: Wir dachten, es würde viel stärker um die Frage gehen, ob man autoritär oder liberal erzogen wurde oder wird. Das hat sich dann aber sehr schnell erschöpft. Interessanter war zum Beispiel der Punkt, an dem man selbst zum Erziehenden wird: Wo beginnt man, seine eigenen Erfahrungen mit Erziehung zu bestätigen? Und wo will man sie lieber korrigieren? Auch Gewalt ist ein interessantes Thema. Gewalt spielt einfach eine Riesenrolle in der Erziehung! Sehr viele Leute kamen zum Casting und sagten als Erstes: "Ich hatte eine glückliche Kindheit." Dann hat man weitergefragt und gemerkt: Na ja, die Kindheit ist halt - wie das Erwachsenenleben auch - von Höhen und Tiefen geprägt. Von glücklicher Kindheit kann eigentlich keiner wirklich reden.

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, einen Abend über Erziehung zu machen?

Kornmüller: Das war bei den Castings zu "Die Reise". Da habe ich gemerkt, dass Migration immer sehr eng zusammenhängt mit extremen familiären Entscheidungen. Dazu kommt, dass ich vor Jahren einmal "Elektra" inszeniert hatte, da geht es auch um traumatisierte Kinder. Und ich dachte, darüber würde ich gern erzählen.

Zu den Castings sind rund 400 Leute gekommen?

Kornmüller: Ja, und da kommen natürlich die unterschiedlichsten Menschen. Manche verkörpern glaubhaft die glückliche Kindheit - die gibt's schon auch. Aber es gibt auch Leute wie den Helmut, der glaubhaft für das Gegenteil steht. Helmut ist Krisenpflegevater und bekommt alle paar Monate ein neues Kind vom Jugendamt, das er dann acht bis zwölf Wochen behält. Kinder zwischen null und drei Jahren, die tief traumatisiert sind. Ein Kind, hat er erzählt, kam über und über mit Hundescheiße beschmiert zu ihm.

Wer ist noch aller auf der Bühne?

Kornmüller: Zehn Darsteller aus der "Reise" sind auch im "Kind" dabei. Die sind alle wieder zum Casting gekommen - und zehn von ihnen haben eine Geschichte erzählt, wo ich dachte: Die muss an dem Abend einfach stattfinden! Außerdem sind eine achtfache Mutter dabei und ein Mann, der gerade Vater geworden ist. Oder eine stillende Frau, deren enge Mutter-Kind-Bindung den Familiensegen gefährdet, weil der Vater sich ausgeschlossen fühlt. Oder ein Scheidungskind, das aus seiner Sicht von der Trennung der Eltern erzählt - und das als im Endeffekt positive Erfahrung beschreibt. Der Abend bewegt sich also zwischen extremen und gängigen Erfahrungen.

Das gesellschaftliche Selbstverständnis von Erziehung ist im Wandel. Ist das ein Thema für Sie?

Kornmüller: Nicht explizit, aber auch diese Facette des Themas schillert so durch. Der Abend versucht schon, so was wie ein Gesellschaftspanorama zu entwickeln.

Kommen Lehrer vor?

Kornmüller: Nein. Es haben sich viele beworben, ich habe mich aber für keinen entschieden. Das Thema Schule kommt aber natürlich vor. Eine Frau erzählt über ihre Schullaufbahn, über den Leistungsdruck.

Wolf: Und es gibt den Günther, der durch ganz viele Wiener Heime gegangen ist. Und in jedem Heim Gewalt erfahren hat - bis zum sexuellen Missbrauch. Wir haben auch eine Betreutes-Wohnen-WG für Mädchen in Brunn am Gebirge besucht. Da ist ein Film entstanden, dem wir keinen zeigen können, weil er so schlimm ist.

Kornmüller: Es gibt Fälle, wo man sagt: Nein, das kann nicht sein, dass so was neben uns existiert! Das sind Ausmaße, die sind nicht zu fassen.

Volkstheater, Premiere Fr 19.30


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