Ein Wesen mit Schal, weiß beschuht, schwarz schraffiert

Feuilleton | Sichtung: K. Nüchtern | aus FALTER 17/13 vom 24.04.2013

Mit seinen knöchellangen Pelzmänteln, zu denen er mitunter Tennisschuhe zu tragen pflegte, hat der vollbärtige Edward Gorey (1925-2000) Aufsehen erregt und den Eindruck hinterlassen, er wäre einem seiner Bilder entstiegen. Immer wieder wurde der Amerikaner für einen Briten gehalten: Sein absurder, makabrer Humor und die - nomen est omen - edwardianisch anmutenden Settings, in denen seine Geschichten spielen, beförderten diesen Irrtum.

In der Welt des gezeichneten Humors ist Gorey eindeutig der Fraktion der "Feinstrichler“ (Gustav "Ironismus“ Peichl) zuzuordnen, wobei er etwa Paul Flora an Einfallsreichtum und erzählerischer Verve doch um einiges übertrifft. Kein Wunder, dass seine skurrilen Bildgeschichten Musiker wie Michael Mantler ("The Hapless Child“) oder Max Nagl ("The Evil Garden“) zu eigenen Gorey-Alben inspiriert haben.

"The Doubtful Guest“ (1957) war Goreys dritte Publikation und begründete seinen Ruhm. Die zeitlose Geschichte vom verhaltensoriginellen Wesen, das in einer stürmischen Winternacht zufällig auftaucht, um nicht mehr zu verschwinden und der Bewohnerschaft eines herrschaftlichen Anwesens den Toast wegzufressen und im Kamin zu tanzen, ist nun wieder aufgelegt worden. Leider hat Alex Stern Goreys in vierhebigen Anapästen swingende rhyming couplets in schauerliche Knittelverse übertragen: "Every sunday it brooded and lay on the floor / Inconveniently close to the drawing-room door“ wird zu: "Jeden Sonntag lag es auf dem Boden, wobei es irgendwie in sich kehrte / Und durchaus ungünstig den Zugang zum Salon erschwerte.“ Aua!


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