Fragen Sie Frau Andrea

Wem gehört der Herrenreiter?

Kolumnen | aus FALTER 17/13 vom 24.04.2013

Liebe Frau Andrea,

immer wieder einmal taucht das Wort "Herrenreiter“ auf, bei Beschreibungen von Personen, Witzen, man spürt, dass es nicht freundlich gemeint ist, so in Richtung "herrisch“. Nun wollte ich es einmal genau wissen, konnte aber auch in Google außer Begriffen wie "Amateurreiter“ nichts für mich Sinnvolles finden. Daher meine Frage: Woher stammt der Begriff "Herrenreiter“, und was bedeutet er eigentlich genau? Hoffe sehr auf Ihre Weisheit!

Inge Mayer, Emailhausen

Liebe Inge,

wie Sie schon richtig selbst ermittelt haben, bezeichnet der gesuchte Ausdruck in stets abschätziger Weise den hochmütigen, hohlköpfigen, blasierten und zudem adligen Reitersmann, der mit leicht vorhängenden Schultern, hochgezogenen Augenbrauen und herablassendem Blick über die eigenen Ländereien reitet und neben Geltungsbedürfnis keine anderen Interessen hat als Pferde, Sekt und Weiber.

Dieses Bild zeichnet der deutsche Diplomat und Schriftsteller Hans-Otto Meissner von Franz Joseph Hermann Michael Maria von Papen, Erbsälzer zu Werl und Neuwerk. Der ehemalige Berufsoffizier, als Franz von Papen in die Geschichte eingegangen, amtierte von Juni bis Dezember 1932 als Reichskanzler und von Jänner 1933 bis Juli 1934 als Vizekanzler im Kabinett Hitler, wo er sich seinen zweiten equestrischen Spottnamen einhandelte: "Hitlers Steigbügelhalter“.

Die Bezeichnung "Herrenreiter“ ist eine Lehnübersetzung des englischen Ausdrucks gentleman rider. Damit wurden - im Gegensatz zum Jockey - jene stets begüterten Reiter bezeichnet, die auf eigenem Pferd an Rennen teilnahmen. Einen trefflichen Eindruck vom Typus des mehlsackgleich im Privatsattel hängenden Kavaliers gibt Edgar Degas in der 1866/70 gemalten Gouache "Gentleman Rider“. Eine späte Konjunktur erlebte der Begriff im Österreich der 1980er-Jahre, als dem ÖVP-Präsidentschaftskandidaten und späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim eine in seiner offiziellen Biografie vergessene Mitgliedschaft in der SA-Reiterstandarte 5/90 nachgewiesen wurde. Kavallerist Waldheim galt fortan als Herrenreiter. Verwandt mit dem vorwaldheimlichen Herrenreiter ist der "Herrenfahrer“, der Typus des Handschuhe und Schirmkappe tragenden Fahrers eines leistungsstarken Wagens, der just so fährt, als ob ihm allein die Straße gehörte.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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