Tiere

Akkordarbeiter

Falters Zoo | aus FALTER 17/13 vom 24.04.2013

Eigentlich sollte diese Kolumne "Shitstorm der Woche“ heißen und sich mit den unmäßigen Erregungen einer vernetzten Welt befassen. Denn diese Empörungsstürme werden immer mehr, während Tiere - vor allem die interessanten - in gleichem Maß aussterben und mit ihnen alle Tierkolumnenschreiber.

Der angesagte Kakophemismus (wie es der Altphilologe nennt) zielt auf eine Hymne zur Thronbesteigung des künftigen niederländischen Königs Willem-Alexander; die heulende Meute bemängelt die kitschige Musik ("wie der Soundtrack zu einer Dokumentation über die Pestepidemie in Amsterdam von 1663“). Der Text hingegen hätte sicherlich besser zu einer Ode aus einer Epoche vor der Französischen Revolution gepasst: "Ich werde dich gegen alles beschützen, was kommt. Ich werde wachen, wenn du schläfst.“ Aber. Was erwartet man sich von einem Lied zur Ehre des Monarchen denn anderes? Die schwedische Königshymne ist da viel unappetitlicher: "Dein getreues Volk wird mit Heldenmut sein bestes Blut hergeben, ein königliches Purpur warm und gut, und dich damit umhüllen.“

Musik für konstitutionelle Monarchien ist sowieso vom Aussterben bedroht. Fitter und fetziger sind da Unternehmenshymnen. In Japan und den USA sind diese motivationssteigernden Arbeitslieder bereits sehr im Kommen und müssen täglich mit den Kollegen gesungen werden. Wer bei diesem Refrain nicht auch eine humankapitalsteigernde Wirkung verspürt, der hat noch nie im Akkord gearbeitet: "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin“. Yeah, so etwas könnte man stundenlang in der Warteschleife der Telefonhotline hören! Die deutsche Lebensmittelkette Tengelmann bietet in ihrer Hymne sogar echtes Herzblutfeeling: "Ob Kaffee, Bohnen oder Fertiggerichte, wir alle schreiben Geschichte, wie das Herz braucht das Blut, brauchen wir unsere Kunden.“ Da will man doch gleich wie im Affekt für seine Firma arbeiten.

Die Falter-Redaktion hat sich aus diesen Gründen für eine Adaption der Kaiserhymne entschieden, die allmorgendlich durch die Redaktionsräume erschallt: "Gott erhalte unsren Falter, unser gutes Wochenblatt! Sich mit Texten fein zu schmücken, achten wir der Sorge wert. Um die Mediamil zu erdrücken, flammt in unserer Hand das Schwert. Doch die Leser zu beglücken, ist der Preis, der meist begehrt!“ Feuerzeuge hoch!

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com

Peter Iwaniewicz hätte auch noch gerne die Begriffe "Ohrfolter“ und "akustische Markenführung“ im Text untergebracht


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