Film Tipp

"Revision", eine Randnotiz aus der Festung Europa

Joachim Schätz | Lexikon | aus FALTER 17/13 vom 24.04.2013

In einem deutschen Kornfeld nahe der polnischen Grenze wurden am 29. Juni 1992 zwei Menschen gefunden, einer tot, der andere im Sterben liegend. Die Jäger, die Grigore Velcu und Eudache Calderar erschossen hatten, gaben später vor Gericht an, die beiden rumänischen Roma in der Morgendämmerung für Wildschweine gehalten zu haben. Der Prozess endet 1999, nach jahrelangen Vertagungen und drei Verhandlungstagen, mit einem Freispruch. Philip Scheffners Film "Revision", den das Filmmuseum in Anwesenheit des Regisseurs zeigt, geht dem Fall noch einmal nach. Um die offenkundig mäßig gründlichen Ermittlungen der Polizei ziehen die Recherchen von Scheffner und seiner Koautorin Merle Kröger weitere Kreise. Befragt werden unter anderem die Familien der Verstorbenen, die vom Ausgang des Verfahrens erst durch das Filmteam erfahren, und Tatzeugen, die am 29. Juni gerade mit Velcu und Calderar illegal über die Grenze gekommen waren. Geduldig erweitern Scheffner und Kröger den Radius ihrer Untersuchung von der Rekonstruktion justiziabler Tatbestände zum Befund einer Politik der Abschottung, die Todesopfer als Kollateralschäden akzeptiert. (Nicht zuletzt ist "Revision", en passant, ein Film über die rassistischen Ausschreitungen, die sich in Rostock-Lichtenhagen zwei Monate nach den Gewehrschüssen ereigneten.) Revidiert werden auch die Verfahren des Dokumentarischen: Zu sehen sind die Befragten, während sie Aufzeichnungen ihrer Interviews abhören, gegebenenfalls ergänzen und korrigieren. Das Abgleichen und Gewichten von Aussagen, worin das Verfertigen eines Dokumentarfilms wie auch eines Gerichtsurteils besteht, wird so ein Stück weit vergemeinschaftet. Ein wichtiger, wuchtiger Film.

Filmmuseum, So 20.45 (OmenglU) - Premiere mit Crossing Europe in Anwesenheit des Filmemachers!


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