"Grenzen wieder aufheben"

Maja Osojnik und Max Gaier über das dreitägige Musikfestival Viennese Soulfood im Brut

Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 17/13 vom 24.04.2013

Max Gaier steht mit seiner Band 5/8erl in Ehr' n für Wienerlied, Soul und Pop; Maja Osojnik kommt aus dem Jazz-und Avantgardebereich, einer ganz anderen Welt also. Trotzdem veranstalten die beiden - gemeinsam mit der Fotografin und Kuratorin Rania Moslam - zusammen das Festival Viennese Soulfood, das frei von Genredenken anspruchsvolles österreichisches Musikschaffen zwischen Pop und freier Improvisation im Brut im Künstlerhaus präsentiert. Tagsüber gibt es bei Majas Musik Markt außerdem die Möglichkeit, Tonträger von mehr als 40 heimischen Labels zu erwerben.

Falter: Sie beide sind in ganz unterschiedlichen musikalischen Bereichen tätig. Wie kommt es, dass Sie gemeinsam ein Festival kuratieren?

Max Gaier: Weil wir einander inspirieren und uns bei aller Unterschiedlichkeit der Form ganz ähnliche Inhalte und gleiche Haltungen verbinden. Es ist nicht nur für das Publikum wichtig, den Geschmackshori zont ein bisschen zu erweitern, sondern auch für die Künstlerinnen und Künstler. Gerade in Wien.

Maja Osojnik: Die Ghettoisierung innerhalb der Szene ist gut, weil es geschützte Räume braucht, damit sich Kunst entfalten kann. Ebenso wichtig ist es aber, diese Grenzen wieder aufzuheben und die unterschiedlichen Welten an einem Ort zusammenzubringen. Auch als Angebot, ja geradezu Appell ans Publikum, Erfahrungen zu sammeln und den Horizont zu erweitern.

Gaier: Einbildungskraft üben, Geschmacksbildung üben, Meinungsbildung üben. In der Vielfalt die Gleichartigkeit erkennen, darum geht es uns.

Osojnik: Und um Konfrontation und Reibung. Wir sagen keineswegs, dass man alles lieben muss; unser Motto lautet: "Stop accepting, start seeking." Viennese Soulfood ist der Hinweis, dass es urviel gute Musik gibt, und eine Einladung, sich da selbst etwas herauszusuchen.

Teilt das Wiener Publikum Ihre Offenheit?

Gaier: Es lässt sich auf das Festival ein, ja. Mit der siebenten Auflage möchten wir das Festival heuer auf ein breitenwirksameres Level bringen und eine neue Nachhhaltigkeit erreichen. Die Idee wäre, dass einmal im Jahr geballt gefeiert wird. Und wir versuchen, den alten Begriff der Solidarität wieder reinzubringen. Es dreht sich gerade sehr viel um Individualismus und Profilschärfung. Aber es wäre doch angenehm, ein bisschen zusammenzurücken, um die Welt gemeinsam schöner zu machen.

Osojnik: Das ist auch die Idee hinter Majas Musik Markt, wo rund 45 österreichische Labels ausstellen, quer durch die Genres. Man ist es ja leider nicht mehr gewohnt, in kleinen Shops zu stöbern, gekauft wird schnell, schnell übers Internet. Ich sehe da durchaus eine Verantwortung zur Sensibilisierung.

Was ist die "gleiche Haltung", die Sie verbindet?

Osojnik: Es geht um eine gewisse Weltanschauung, um unsere Sicht auf die Gesellschaft. Sei es die naive Idee eines neuen Kollektivismus, sei es die Gleichberechtigung von Frauen, Homosexuellen, Aliens und Leuten, die sich nicht diesen simplen Plus-minus-plus-plus-Formen unterordnen, sei es ganz allgemein, wie man miteinander umgeht, über das Leben, die Liebe und Ängste nachdenkt. All das spiegelt sich in unserer Musik, wobei ähnliche Inhalte letztlich eben eine ganz andere Form bekommen.

Das Festival heißt "Viennese Soulfood". Sie verabreichen allerdings auch reichlich Hirnnahrung.

Gaier: Bei einem Festival namens "Wiener Hirnnahrung" gäbe es wohl gleich Ängste, dass es zu anstrengend ist.

Osojnik: Aber man kann das gar nicht trennen, der emotionale und der analytische Prozess passieren gemeinsam.

Man kann sich emotional als schwierig empfundene Musik also analytisch erarbeiten?

Osojnik: Ich vergleiche das gerne mit dem Laufen. Niemand wird es als schönes Erlebnis empfinden, wenn er zum ersten Mal rennt. Du hast Probleme mit der Atmung, mit den Muskeln und der Technik, und nach ein paar Minuten kannst du nicht mehr. Gibst du dich der Verzweiflung aber nicht hin, sondern machst länger Sport, beginnst du es plötzlich zu genießen -bis zu dem Moment, wo du glaubst, es zu brauchen.

Und wie fast jeder Mensch mit dem nötigen Training einen Marathon laufen kann, könnte auch fast jeder das Viennese Soulfood Festival genießen?

Osojnik: Genau!

Gaier: Jeder Mensch kommt mit einer unglaublichen Neugier auf die Welt. Dieses Interesse für Neues wird uns sehr schnell aberzogen. Das gilt es wieder zu reaktivieren. Nicht nur musikalisch, sondern auch sozial.

Viennese Soulfood Festival und Majas Musik Markt: Brut im Künstlerhaus, Fr ab 16.00, Sa, So ab 13.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige