Logbuch

Der böse Mond soll wieder weggehen

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 18/13 vom 02.05.2013

24.4., 10.05 Uhr. Das Lebensprinzip, sich nicht zu grämen über flüchtige Freundschaften und verpasste Gelegenheiten, wird einem brutalen Leistungstest unterzogen. Um der Wunderlichwerdung zu entgehen, suche ich nach Wochen der Einsiedelei den Redaktionsschreibtisch und die freundlichen Menschen drum herum auf; bei Durchsicht der Post stoße ich auf eine Einladung, in der mich der Bundespräsident zu einem Abend mit Peter Handke bittet. Peter Handke!! Fantastisch. Dann lese ich das Datum. Der Abend fand letzten Oktober statt, das Kuvert ist mir zweimal entgangen.

Der Ärger über mein Versäumnis brandet in bitteren Wellen über mich hinweg, die sich nicht brechen lassen, mit der sonst fast immer hochwirksamen Oma-Weisheit, dass es kommt, wie es kommt, und dass es schon für etwas gut gewesen sein wird. Nein! Wird es nicht! Gut, die Chancen, dass man sich nachhaltig blamiert und dabei etwas völlig Danebenes angehabt hätte, sind erheblich. Trotzdem! Peter Handke! Der Bundespräsident! Ma, echt, Leben, das war jetzt ein bissl gemein.

25.4., 2.35 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Ein giftgelber Mond brüllt kugelrund zum Fenster herein. Ich kann das Rollo nicht zuziehen, denn es ist heruntergefallen, weil Ikea die Beschläge für die Rollos jetzt aus scheiß Plastik macht, das zerspringt, wenn man beim Montieren ein bissl zu deppert mit der Bohrmaschine draufhält. Aber auch wenn es nicht zerspringt, sind die scheiß Plastikbeschläge einfach nicht fest und stabil genug, um ein schweres, zwei Meter breites und drei Meter langes Rollo oberhalb des Fensters zu halten, und deshalb verstaubt es seit Wochen zusammengerollt am Fensterbrett, und ich kann jetzt den Mond nicht aussperren und muss anlässlich der Verpassung des Peter-Handke-Abends darüber grübeln, was ich sonst noch alles verpasst und verschissen und ruiniert habe im Leben.

Und ob ich zum Beispiel überhaupt noch Freunde habe, so wie ich mit ihnen umgehe. Ob man überhaupt Freunde verdient, wenn man wochen- und monatelang nie ausgeht und sich nur allein in der Werkstatt verschanzt, um dort endlich einmal in Ruhe und völlig ungestört zu schreiben. In dieser Ruhe und Ungestörtheit, die man sich jahrelang herbeigesehnt hat.

Nach acht oder zehn Monaten freundevertreibenden, ungestörten Arbeitens lässt sich übrigens sagen, dass mit der Ruhe und der Ungestörtheit nicht eine Zeile mehr geschrieben wurde als davor ohne. Dafür hat man fantastische Einladungen und schöne Abende verpasst. Man ist eine komplette Pfeife. Der Mond soll weggehen; ich will jetzt schlafen, gute Nacht.

27.4. Waldviertel, endlich alles grün. Ich hacke Beete fluffig, hänge Hängematten auf, zurre Slacklines fest und klügle ein System aus, durch das sich der Gartenschlauch per Knopfdruck mit Wasser füllt. Sinnvolle, eindeutige, unmittelbar erfolgreiche Tätigkeiten, die niemanden beleidigen. Nicht, dass wer da wäre, aber.

Doris Knecht kann nicht schlafen


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige