Fragen Sie Frau Andrea

Mit und ohne Schloss: Rad an, Rad ab, Rad weg

Kolumnen | aus FALTER 18/13 vom 02.05.2013

Liebe Frau Andrea,

Sie können selbst unerklärliche Phänomene erklären, dann werden Sie auch auf dieses Rätsel eine Antwort wissen: An Fahrradständern, Verkehrszeichen u.Ä. häufen sich versperrte Fahrradschlösser - ohne Fahrrad. Warum? Warum bleibt das geknackte Schloss zurück, wenn das Fahrrad gestohlen wäre? Ist der Rahmen durchgesägt worden? Haben die Außerirdischen das Fahrrad weggebeamt? Sind die Fahrradbesitzer in ihrer Zerstreutheit aufs Fahrrad gestiegen und haben das Schloss vergessen? Was ist da los? Christian Exner, Ganzjahres-Radfahrer, Emailhausen

Lieber Christian,

2011 wurden in Wien 7768 Fahrräder entwendet, das waren pro Tag durchschnittlich 21. Die geschätzte Dunkelziffer wird von den Behörden allerdings als etwa achtmal so hoch angesehen. Die hohe Dunkelziffer und die geringe Aufklärungsrate - kaum drei von 100 Diebstählen werden geklärt - dürften einander wechselseitig bedingen. Wer keine Aussicht auf das Wiederbekommen des gefladerten Bikes hat, spart sich auch den Gang auf die Wachstube.

Woher kommen nun die vielen zurückgelassenen Schlösser? Sind es überhaupt so viele? Unsere Wahrnehmung einsamer Fahrradschlösser an Ständern und Stangen wird durch die Aufmerksamkeit, die wir diesem Phänomen widmen, verstärkt. Ein einziges Solo-Schloss hielten wir noch für bemerkenswert, ein zweites und gar ein drittes jedoch ließe und lässt uns schon an einen Trend denken.

Im Lichte dieser Betrachtung schreiten wir zur Analyse des seltenen, aber auffälligen Befundes. Für das Phänomen des verbliebenen Schlosses kommen in Frage: Radler, die mit dem Bügelschloss nur ein paar leicht durchzwickbare Speichen, nicht aber Reifen oder Rahmen umfassten. Dann solche, die nächtlich müde oder illuminiert das Schloss nur an Verkehrszeichen oder Fahrradständern, nicht aber an ihr Rad fädelten, und schließlich Klappradbesitzer, die wohl den Rahmen anschlossen, dabei aber vergaßen, dass dieser am Scharnier auseinandernehmbar ist.

Denkbar wäre auch eine Marketingidee gewiefter Wiener Fahrradhändler, die Aufmerksamkeit für die Unzerstörbarkeit der von ihnen vertriebenen Bügelschlössern generierten. Was ihnen, träfe dies zu, durchaus gelungen wäre.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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