Kunst Kritik

Ein Skulpturenpark für den alten Ötzi

Lexikon | aus FALTER 18/13 vom 02.05.2013

Was haben Amy Winehouse und die Alpenmumie Ötzi gemeinsam? Sie dienen Rachel Harrison als Motive ihrer aktuellen Gemälde in der Galerie Meyer Kainer. Dass die 1966 geborene New Yorkerin malt, ist neu. Aber man darf sich nicht täuschen lassen: Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich nur ein Teil des bunten Mix aus Porträts und abstrakten Farbkringeln als unmittelbare Pinselei. In Wahrheit übermalt Harrison Digitaldrucke, die Collagen von eigenen Malereien - teils auch mit Computerstick bearbeitet - und Zeitungsbildern darstellen.

Am Beginn der Ausstellung trifft man zunächst auf eine der pseudotrashigen Skulpturen, die in den letzten Jahren so viel internationale Anerkennung ernteten. Den Vergleich mit Kunstmarktstars wie Franz West oder Paul McCarthy nahm die humorbegabte Künstlerin oft schon vorweg, sie erfand aber auch ihr ganz eigenes plastisches Repertoire. Dazu zählt etwa der Einsatz von Perücken, Tierfellen oder künstlichem Obst -alles nun auch vertreten in der Installation "Mtlider". Eine mit Pelz behängte und auf einer Kühlbox platzierte Kleiderpuppe repräsentiert dabei den Ötzi, der Harrison als so mythenumrankte wie medial ausgeschlachtete Figur fasziniert. Einen archaischen Charme verströmt auch die Skulptur "Scots", die mit ihrem Milchfass an einen Weiheort erinnert.

Schuhe spielen eine prominente Rolle bei den anderen Plastiken der Schau; sie tauchen in unterschiedlichen Überarbeitungsgraden -etwa bemalt oder als Abguss -auf. An Harrisons Arbeiten reißt der Elan mit, mit dem sie die Verfremdung der Verfremdung angeht; das Prädikat "doppelbödig" wäre für ihre Kunst eine Untertreibung. Als Ahnherr von "Bad Painting" tritt auch Martin Kippenberger auf: Er posiert als Aktmodell für Winehouse. NS

Galerie Meyer Kainer, bis 1.6.


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