Fragen Sie Frau Andrea

Die flotte Lotte und ihr Freundeskreis

Kolumnen | aus FALTER 19/13 vom 08.05.2013

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

schon etwas länger her, beim Osterschmaus, hat mich ein bis dato unbekannter Ausdruck heimgesucht, den meine Großmutter als Synonym für ihre Vagina verwendet und der mich vom Tisch vertrieb: Lotte. Woher kommt dieser Ausdruck und ist er mit seinen männlichen Pendants, den Willis und Johannes, verwandt?

Gruß, JC, Emailhausen

Lieber, liebe Jaycee

die Begriffe "unbekannt“ und "heimsuchen“ sind im Zusammenhang mit dem Geschlechtsorgan einer nahen Verwandten gewiss nicht leicht miteinander in Einklang zu bringen! Wir wollen also annehmen, dass auch Ihre Reserviertheit dem Ausdruck "Lotte“ gegenüber der Verbindung mit Ihrer Großmutter geschuldet ist. Johannes, ein gängiges Hüllwort für den männlichen Penis, entspringt wohl dem Sprichwort "wie die Nase eines Mannes, so auch sein Johannes“. Willy, eine angelsächsische Personalisierung des membrum virile, kommt mit großer Wahrscheinlichkeit von willow, der Weide, Weidenrute. Der weibliche Vorname Lotte ruft literarische Erinnerungen an "Die Leiden des jungen Werther“ wach. In Goethes Briefroman verzehrt sich ein junger Mann vor unerfüllter Liebe zur verheirateten Lotte. Die Sache geht bekanntermaßen nicht gut aus, der Unerhörte geht in den Tod, Dutzende Leser folgen dem Helden. Im Roman "Lotte in Weimar“ spürt Thomas Mann dem erkalteten Verhältnis Goethes mit dem literarischen Vorbild Lottes, Charlotte Buff, nach, die 44 Jahre nach der platonischen Liaison den gefeierten Dichterfürsten im Weimar besucht - heimsucht, wie Sie sagen würden. Zur Verbindung von Lotte und Vulva scheint es, sprachlich gesehen, schon früh gekommen zu sein. Die Wortfamilie, zu der "Lotter“ (der Liederliche, Faule), "Lottel“ (synonym für nachlässig, verkommen) gehören und, davon abgeleitet, das Lotterleben, der Lotterbube, der Lotterjan, das Lotterbett, aber auch verlottet und lotterlich, kommt vermutlich von "Lode“, dem Schößling, und ist gewiss mit "Luder“, "luderlich“, ja "liederlich“ verwandt. "Loddel“ ist jenseits des Weißwurstäquators auch eine Bezeichnung für den Zuhälter. Nicht ganz falsch wäre der Gedanke, Lotte, Lodde, Lode auch in Zusammenhang mit dem Verb "laden“, "einladen“ zu stellen. Was Ihre Oma und ihre flotte Lotte wohl dazu sagen werden, überlasse ich den nächsten Ihrer Ostergespräche.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige