Tiere

Brustton

Falters Zoo | aus FALTER 19/13 vom 08.05.2013

Peter Iwaniewicz fragt sich, wie Fotoredakteure das Thema "Am Busen der Natur“ bebildern würden

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ Ja, so faustisch geht es vielen Forschern, die jahrelange Studien betreiben und am Ende nur wissen, dass sie nichts wissen. Auch die Wissenschaft vom Bienensterben ist angeblich nicht weitergekommen und braucht deswegen eine weitere Studie zur Auswertung der bisherigen Studien.

So sind sie halt, unsere Forscher, die wie der alte Geheimrat Goethe immer auf der Suche sind, "zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Was zumindest eine Hälfte der Menschheit im Äußeren zusammenhält, hat der französische Sportmediziner Jean-Denis Rouillon erforscht und 15 Jahre lang die Auswirkungen von Büstenhaltern auf Brüste untersucht. Eine wichtige Fragestellung, die sich der vollen Aufmerksamkeit der Medien sicher sein konnte. Und tatsächlich verbreitete sich ein kurzes Interview, das er einem französischen Studenten-Radiosender gab, mit Internet-Lichtgeschwindigkeit und schuf "griffige“ Schlagzeilen wie "Büstenhalter machen Brüste abhängig“, "Freiheit für den Busen“ und "News from Boob Science“. Was genau tat der Mann? Der Standard beschreibt ihn eher als "Peeping Tom“: "Besonders aufmerksam verfolgte der Mediziner eine Gruppe von rund 50 Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, die ihren BH ablegten.“ Mit welcher Methode wurden die Langzeiteffekte der Haltlosigkeit auf weibliche Brüste erhoben? Rouillon maß mit einem Lineal den Abstand zwischen Brustwarzenspitze und Schulterkopf und stellte fest, dass sich nach Absetzen des BHs diese Distanz durchschnittlich um sieben Millimeter verringert hatte. Schlussfolgerung: Büstenhalter verschlechtern die "innere Struktur“ der Brüste.

Diese "Erhebung“ wurde ausschließlich unter jungen Sportlerinnen durchgeführt. Die genaue Anzahl der Probandinnen variiert - je nach berichtendem Medium - zwischen 120 und 330, offenbar konnten manche Redakteure Individuen und Brüste nicht auseinanderhalten.

Vielleicht liegen diese Ungenauigkeiten auch nur daran, dass nie eine solche "Studie“ publiziert worden ist, sondern es sich nur um das mediengeile Geschwätz eines Sportmediziners handelte. Medienberichte über diese sensationelle Erkenntnis sollten eigentlich nur einen Vorwand liefern, um formatfüllende Dessous-Fotos abzudrucken.

Wir lernen daraus: Den Bienen wird es jetzt zum Verhängnis, dass sie keine Brüste haben.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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