"Weg von den normalen Orten"

Die Festwochen-Reihe Into the City steht heuer ganz im Zeichen von "Music and Politics"

INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 19/13 vom 08.05.2013

Gesellschaftspolitisch relevante Themen interdisziplinär darstellen", so lautet seit 2006 der ambitionierte Anspruch von Into the City, einer vom ORF-Radiojournalisten Wolfgang Schlag kuratierten Veranstaltungsreihe im Rahmen der Wiener Festwochen. Heuer dreht sich dabei alles um Musik und Politik, aufbereitet in Diskussionen, Workshops, Performances, Ausstellungen, Lectures und natürlich auch Konzerten. Im Interview erklärt Wolfgang Schlag die Idee hinter dem Programm.

Falter: Die Veranstaltungsreihe Into the City findet heuer zum achten Mal im Rahmen der Festwochen statt. Was genau ist Into the City?

Wolfgang Schlag: Into the City versucht dem Titel entsprechend in die Stadt hinauszugehen, also weg von den normalen Festwochen-Veranstaltungsorten. Es findet durchwegs bei freiem Eintritt statt, und wir haben uns in den vergangenen Jahren bemüht, sehr interdisziplinär auf die unterschiedlichen Orte in Wien zu reagieren und beispielsweise Formate zu finden, die in Favoriten in der Quellenstraße funktionieren. Von diesem Prinzip verabschieden wir uns heuer bewusst, um Into the City als ein internationales Festival im Festival zu gestalten.

Wie wird Into the City angenommen?

Schlag: Wir haben jedes Jahr zwischen zehn-und zwanzigtausend Besucher erreicht, die aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsschichten kommen und nicht dem typischen Festwochenpublikum entsprechen. Mit dem diesjährigen Programm war es mir ein Anliegen, von der Schnittstelle zwischen Kunst und soziokulturellen Projekten in der Stadt einmal wegzukommen und über Into the City zu zeigen, welches Potenzial die Wiener Festwochen auch im Bereich der aktuellen Musik haben und was da in dieser Stadt auch präsent sein sollte.

Das Programm von Into the City war noch nie so üppig wie heuer, gleichzeitig ist es mit "Music and Politics" erstmals monothematisch angelegt.

Schlag: Durch Ereignisse wie Pussy Riot und den arabischen Frühling, wo Rap eine ganz wichtige Rolle spielte, hat sich dieses Thema aufgedrängt. Dem Programm liegt die Idee zugrunde, sich diesem Komplex ausschließlich über aktuelle Musik und aktuelle Konfliktregionen zu nähern. Durch die Vielzahl unterschiedlicher Projekte gab es in den vergangenen Jahren immer wieder die Gefahr, dass Into the City ein bisschen auseinanderfällt und nicht ganz wahrgenommen wird. Heuer gibt es daher diese thematische Spezialisierung auf "Music and Politics". Für eine repräsentative Darstellung ist natürlich eine gewisse Vielzahl an Schwerpunkten notwendig. Viele der Künstler, die zu Into the City kommen, sind in ihren Regionen durch kreativen Widerstand in Konflikte involviert.

Es gibt also tatsächlich noch politische Popmusik?

Schlag: Ibrahim Kaschusch, ein syrischer Sänger, der immer wieder öffentlich gegen das Regime aufgetreten ist, wurde vor zwei Jahren tot aufgefunden -die Geheimpolizei hatte ihm die Stimmbänder herausgeschnitten. Die bei Into the City vertretene dänische Organisation Freemuse beobachtet und dokumentiert derartige Vorfälle weltweit und zeigt so, wie wichtig Musik als aktuelles Medium im kreativen Widerstand in vielen Regionen der Welt ist.

Wie ist das in der westlichen Welt?

Schlag: Da sind die Zeiten wohl vorbei, als die Popmusik politische Sprengkraft hatte. In den 80ern war es noch anders: Der Tod von Margaret Thatcher hat daran erinnert, was für einen witzigen Gegenpart die Popmusik damals zur Politik gebildet hat.

Bei der Eröffnung wird Stefan Weber noch einmal mit Drahdiwaberl auftreten. Sind Drahdiwaberl eine politische Band?

Schlag: Drahdiwaberl sind ganz sicher eine politische Band im historischen Kontext. Sie waren bis in die frühen 80er hinein eine wichtige Stimme, und ich glaube, dass dieser Auftritt und die Drahdiwaberl-Ausstellung im Wien Museum eine späte und ganz wichtige Würdigung der Arbeit von Stefan Weber sind.

Wenn die wilden Hunde von einst im Museum landen, hat das also keinen seltsamen Beigeschmack?

Schlag: Ich glaube, dass das Wien Museum genau der richtige Ort dafür ist, weil es diesen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart spannt. An der Eröffnung von Into the City sind neben Drahdiwaberl unter anderem noch die Linzer Hip-Hopper Texta und Irie Révoltés beteiligt, die gegenwärtig wichtigste und aktivste deutsche Demoband. Die Brücke reicht also auch hier von den 60er-Jahren bis zur Gegenwart.

Into the City: 11.5. bis 15.6. (Festivalzentrale: Wien Museum). Eröffnung: 11.5., 17 Uhr, Karlsplatz; Information: www.intothecity.at


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