Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Lieber der Kohl

Falter & Meinung | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Jede halbe Stunde wird in Österreich eine Frau vergewaltigt. Darauf wies eine Mitarbeiterin des Frauennotrufs hin. Es ging aber um die verschärften Umstände, die Frauen auf dem Balkan kriegshalber betrafen. "Den moslemischen Frauen hilft das Entsetzen Europas über die Kriegsvergewaltigungen überhaupt nicht“, sagte die bosnische Psychologin Lepa Mladejenovic. Irene Brickner und Annette Baldauf gestalteten einen Schwerpunkt Frauenrechte, den der Falter der in Wien stattfindenden Uno-Menschenrechtskonferenz beigesellte. Zum ersten Mal sollten auf einer Uno-Konferenz auch frauenrechtliche Probleme zum Thema werden. Frauen aus allen Erdteilen kamen nach Wien.

Im Mai 1993 fanden Landtagswahlen in Niederösterreich statt. Die ÖVP verlor erstmals die absolute Mehrheit (unter Erwin Pröll!), das Liberale Forum zog erstmals in den Landtag ein. Euphorisch berichtete Kommentator Peter Pelinka, der LiF-Erfolg sei irreversibel und Haiders FPÖ sei Meinungsforschern zufolge nur mehr für 19 Prozent des Publikums wählbar.

Im Feuilleton interviewte Roland Koberg den Leiter der Berliner Volksbühne, Frank Castorf. Er fragte ihn auch, was dieser mit dem Satz "Von Kohl lernen heißt siegen lernen“ meine, und erhielt die schöne Antwort: "Es gab den alten Spruch in der DDR:, Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.‘ Und für mich ist der Kohl das Phänomen des Aussitzens. Und ich habe in der DDR nichts weiter gemacht. Ich habe ausgesessen. Ich habe mich nicht nach dem Westen abschieben lassen, ich habe immer weiter um meine Sache gekämpft, also borniert behauptet: Ich bliebe. Und am Schluss habe ich bemerkt, es war ganz gut, dass ich das gemacht habe und nicht in diese Fluktuationswut geraten bin. Deswegen tritt Kohl ja, genauso wie der Honecker, diese merkwürdigen kaputten Leitbilder, in meinen Inszenierungen immer wieder auf. Und deshalb der Satz, der auch von ein bisschen Sympathie gespeist ist. Lieber der Herr Kohl als viele dieser sozialdemokratischen Schlafmützen, die genauso flunkern, was das Zeug hält.“ AT


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