Kommentar  Wiener Festwochen

Religionskrieg im Burgtheater: Schützt Jesus vor den Christen!

Falter & Meinung | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Nach der Vorstellung stehen junge Männer vor dem Burgtheater, die genau so aussehen, wie Manfred Deix konservative junge Männer zu zeichnen pflegt: Milchgesicht, Scheitel, Lodensakko. Die radikale Jungschartruppe verteilt Flugzettel, auf denen sie vor "Christianophobie“ warnt.

Was ist hier los? Im Burgtheater war am Wochenende die Festwochenproduktion "Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“ zu Gast. Die Inszenierung des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci (siehe Festwochen-Tagebuch auf Seite 28) hatte schon früher für katholische Proteste gesorgt; in Paris etwa konnten die Vorstellungen nur unter Polizeischutz stattfinden.

Stein des Anstoßes ist eine Szene, in der ein Christusbild von Kindern mit Spielzeughandgranaten beworfen wird. In ihrer Mischung aus unschuldigem Kinderspiel und terroristischer Gewalt hat die Szene tatsächlich etwas Schockierendes. Aber wenn man sie im Kontext der Inszenierung sieht, ist es vollkommen absurd, sie als primitiven Angriff auf "religiöse Gefühle“ oder gar das Christentum als solches zu interpretieren.

Die Störenfriede, die die Vorstellung durch hysterisches Gebrüll störten, ficht das nicht an. "Was auch immer Castellucci damit zum Ausdruck bringen möchte: Würde er dieselbe Aktion an einer Darstellung des Propheten Mohammed durchführen, würde er vermutlich wegen der Herabwürdigung des Islams strafrechtlich verfolgt werden“, heißt es in dem Flugblatt.

Der Vergleich hinkt schon deshalb, weil der Islam bildlichen Darstellungen reserviert gegenübersteht. Denken gehört offenbar nicht zu den Stärken der katholischen Extremisten. Wenn dem Christentum an diesem Theaterabend jemand Schaden zugefügt hat, dann waren es seine Verteidiger.


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