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Politik | Sebastian Huber | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Bücher, kurz besprochen

Granaten ausgelegt wie Tomaten

Wenn sich NZZ-Journalist Christoph Zürcher aufmacht, um auf Reisen zu gehen, dauert es oft nur kurz, bis er fast stirbt. Mal drückt ihm ein Taliban-Kämpfer den Lauf seiner AK-47 an die Schläfe. Mal kollabiert er beim härtesten Marathon der Welt im brasilianischen Regenwald. Mal surren im Dschungel von West-Papua die Giftpfeile der Waira-Krieger knapp über seinem Schädel vorbei. Seine stärksten Reisereportagen der letzten Jahre bündelte Zürcher nun in seinem Buch "Wie ich Kannibalen, Taliban und die stärksten Frauen der Welt überlebte“. Die Zugänge zu seinen Geschichten: stets höchst subjektiv, teilweise absurd. Gepaart mit Witz und Selbstironie erinnern Zürchers Texte dadurch oft an den unkonventionellen Erzählstil des New Journalism, der in den 1960ern in Amerika aufkam.

Aber: Manche seiner Reportagen tränkte er zu lange in Testosteron; sie muten stellenweise wie effekthaschender Jackass-Journalismus an. Etwa sein Text "Ferien bei Kannibalen“. Stark liest sich dafür seine Suche nach Osama bin Laden in Pakistan - bei der er lakonisch notiert: "Vor einem Geschäft waren Handgranaten ausgelegt wie Tomaten.“

Christoph Zürcher: Wie ich Kannibalen, Taliban und die stärksten Frauen der Welt überlebte. Orell Füssli, 224 S., € 20,60


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