Nachgetragen  Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

80 Jahre nachdem die Bücher brannten, stand Karl Lueger im Dunkeln

Politik | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Unten spricht Alfred Pfoser von der Wienbibliothek über die Bücherverbrennung der Nazis, hinter ihm steht der steinerne Karl Lueger auf seinem Sockel und greift sich ans Herz. Ausgerechnet beim Lueger-Denkmal, das an den Wiener Bürgermeister der Jahrhundertwende erinnert, der mit seiner judenfeindlichen Hetze die Wiener Seele zum Kochen brachte und Adolf Hitler inspirierte, gedachte das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien an den 10. Mai 1933. An diesem Tag warfen die Nazis in Deutschland Bücher von Sigmund Freud, Robert Musil und anderen Schriftstellern ins Feuer, die jüdisch oder den Nazis aus politischen Gründen nicht genehm waren. "Und was hat das mit Österreich zu tun?“, fragt Pfoser.

Zunächst wenig. Aber dann doch sehr viel. "Die Bücherverbrennung wurde vom österreichischen Dollfuß-Regime mit Wohlwollen begrüßt“, erklärt Pfoser. Es dauerte nicht lange, da gab es auch hierzulande eine Säuberungsliste. Die darauf vermerkten Werke deckten sich weitgehend mit jenen, die die Deutschen im Mai 1933 "den Flammen übergaben“. Am Freitagabend - genau 80 Jahre nach dem großen Feuer - blieb die Festbeleuchtung des Lueger-Denkmals ausgeschaltet.


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