Logbuch

Es müssen nicht exakt diese Worte sein

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

8.5. Ein ehemaliger Arbeitgeber schickt mir ein Mail: Er möchte mich seiner 85-jährigen Mutter zum Muttertag schenken, also ein Treffen mit mir. Das ist schmeichelhaft, aber irgendwie auch, ich weiß nicht, sehr merkwürdig. Ich glaube, ich bin nicht zu verschenken. Ich sage höflich ab.

9.5. Der Mann hat mich übrigens, wie mir jetzt einfällt, gefeuert. Falsch: feuern lassen.

12.5., 9.50 Uhr Mutter: "Okay, ich bin bereit, du kannst anfangen.“ Kind: "Womit??“ Mutter: "Muttertagsgedicht.“ Kind: "Echt, ist Muttertag?“ Mutter: "Echt. Leg los.“ Kind: "Ich reiß dir später ein paar Blumen aus der Wiese. Jetzt muss ich rüber zum Schurl.“

So schnell kann’s gehen. Eben waren sie doch noch so süß? Eben standen die doch noch mit glühenden Backen und überreichten Selbstgemaltes? Es gibt Beweisfotos davon. Jetzt sind die sooo groß und teenagen 24/7. Auf der neuen Outdoor-Sonnenchillbank, die man nach einem Foto auf einer herausgerissenen Magazinseite gebastelt hat, ist man selbst noch kein einziges Mal gelegen, weil entweder fängt es an zu regnen und man muss hurtig das ganze Polsterzeugs, wegen dem der Lange bei Ikea original schon wieder die Nerven verloren hat, schnell in den Schuppen umsiedeln, oder es lümmeln permanent vier bis sechs Teenager beiderlei Geschlechts darauf herum, die überlegen, was man tun könnte. Das machen sie jetzt beharrlich den ganzen Tag: Überlegen, was man tun könnte, weil das, was man tun wollte, von verständnislosen Eltern auf eine halbe Stunde täglich eingeschränkt wurde. Wir machen, um endlich mal die Bank für uns zu haben, Vorschläge: Tischtennis spielen, Rad fahren, ein Picknick im Wald, Monopoly. Nein, fad, alles.

14.30 Uhr Aber jetzt, wo ein bisschen Muttertagskuscheln angezeigt wäre, ist natürlich keiner da. Gut, muss ich meinen Muttertagsprosecco eben allein trinken. Das bringe ich dem Langen zur Kenntnis, in der leisen Hoffnung auf liebevollen Widerspruch der Sorte: Moment, Liebste, ich bring dir, hast du dir verdient, du gute Mutter. Es müssen nicht zwingend diese Worte in dieser Reihenfolge sein, eine kleine Ausschweifung ins Romantische wird gern gesehen. Der Lange: "Mach was du willst. Ich schau amal zum Horwath rüber.“ Immerhin, er hat den Rasen gemäht, das erfreut mein Mutterherz durchaus, aber Romantik ist anders.

14.35 Uhr Vorne an der Straße gehen die neuen Nachbarn vorbei. Ich winke sie herein. Sie winken zurück und gehen weiter.

14.36 Uhr Beim Versuch, die Proseccoflasche aufzumachen, bricht der Flaschenhals ab. Das ist vermutlich ein Zeichen. Ich interpretiere es in der Weise, dass ich dann eben eine andere aufmachen soll.

14.37 Uhr Das gelingt. Ich stoße auf mich an und sage mir ein kleines, selbstgeschriebenes Gedicht auf: In dies brave Mütterlein darf zum Lohn ein Spruderl rein.

14.38 Uhr Es fängt an zu regnen. Besser erst mal die Pölster reintragen. Dann aber lebe hoch.

Doris Knecht feiert Muttertag


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