Fragen Sie Frau Andrea

Göns, Hea Oba, es güt

Kolumnen | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Liebe Frau Andrea,

auf die Gefahr hin, dass die Frage längst geklärt ist: Woher stammt und was bedeutet ursprünglich die meist affirmativ verwendete Modalpartikel "gell“, im Wiener Raum mir auch als "gelt“ bekannt? Und trügt mein Eindruck, dass die Verwendung wegen der phonetisch zufälligen Nähe zum ubiquitären "geil“ deutlich abgenommen hat?

Küss die Hand, Cyril L.,

per Gesichtsbuch-Direktnachricht

Lieber Cyril,

in der Gefahr endgültigen Geklärthabens befinden wir uns erfreulicherweise nicht. Wir sind Teilnehmer in einem permanenten Überprüfungsprozess, der als nie abgeschlossen erachtet werden muss. Die von Ihnen botanisierte Interjektion "gell“ (seltener: "gelt“) wird im Wienerischen bekanntermaßen "gö“ oder "göö“ ausgesprochen. Es ist die Wunschform "gelte“ zum Zeitwort "gelten“ und ist etymologisch gesehen mit dem "Geld“, dem "Gültigen“, dem "Geltenden“ verwandt. Möglicherweise hat "geil“, aus dem Bundesdeutschen zu uns gestoßen und über den Werbespruch "Geiz ist geil“ amplifiziert, die Konjunktur von "gell“ etwas einknicken lassen.

Das Wienerische kommt kaum ohne das "gö“ aus, behandelt es allerdings ganz gegen seine tatsächliche Herkunft so, als käme es vom Zeitwort "gellen“. Bedeutet "Gö, du khúmmst“ noch ganz "gelt“-konform "Gelte es, dass du kommst“, vernebelt sich dieser Zusammenhang in der Mehrzahl. Hier sagt der Wiener, die Wienerin "Göts, es khúmmts“, meint "Gelte es, ihr kommt“, verwendet aber tatsächlich das Verb "gellen“. Deutlich wird das in der Höflichkeitsform: "Göns, se khúmman“. Gezwungen, dies ins "Hochdeutsche“ zu übertragen, würden der Wiener, die Wienerin also "Gellen Sie, Sie kommen“ radebrechen, statt "Gelte es, Sie kommen“. "Gelten“ spricht man im Hieb "götn“ aus, "es gilt“ "es güt“, das Geld "es Gööd“, "da Flieda“ oder "die Marie“.

Die "Kehle“, verwandt mit dem "gellen“, ist im Wienerischen die "Kööhn“. Im Einklang mit der Erkenntnis, dass Kellner hierzustadt meist schreiend ihre Arbeit verrichten, wird dieser Berufsstand nicht "Köllara“ (also der im Keller ordinierende), sondern "Kööna“ bezeichnet. Gerufen wird allerdings niemals nach einem "Kööna“, Kellner, sondern stets nach dem "Hean Oba“, dem Herrn Ober. Göns.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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