Menschen

Schweinerei!

Falters Zoo | Gerhard Stöger, Barbara Schellner | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Der Himmel weinte. Dieser Satz stünde hier, wären wir in der Kitschecke. Sind wir aber nicht, daher nennen wir das Wetter am Samstagnachmittag eine Sauerei. Was ja auch bestens zur Band passte, die da noch einmal spielte: Drahdiwaberl. Die steht nämlich seit 1969 für genau das - eine große Sauerei. Jetzt ist ihr Kopf und Sänger Stefan Weber so schwer parkinsonkrank, dass er auf der Bühne von zwei Kraftlackeln festgehalten werden muss und es kaum schafft, ins Mikrofon zu treffen. Ist das unwürdig? Nein, wohl eher konsequent, auch noch den eigenen körperlichen Verfall in das Lebenswerk und die Freakshow Drahdiwaberl einzuspeisen. Ein bisschen beklemmend aber ist es schon. Das Konzert eröffnete die Festwochen-Schiene "Into the City“ und die Ausstellung "Blutrausch“ im Wien Museum, die sich Weber und seiner Band widmet (siehe Seite 29). Die Musik war öd, die einst so wilde Show infantiles Geblödel. Immerhin: Den alten Slogan "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein“ dichtete Stefan Weber selbstironisch in "High sein, frei sein, amoi muass vorbei sein“ um.

Ein Drahdiwaberl-Konzert ist naturgemäß erst mit dem Lied "Mulatschag“ vorbei, und da schlug auch diesmal wieder die Stunde der Exhibitionisten. Das fidele Rudelpudern auf der Bühne musste allerdings ausfallen (zu kalt?), von den einstigen Exzessen blieb nur ein müder Abklatsch. Die nackte Frau am Bühnenrand versuchte etwa vergeblich, sich zum Erbrechen zu reizen, steckte sich den Finger dann in eine andere Körperöffnung, aber auch da schien sich nichts wunschgemäß zu regen. Als die Musik aus war, musste die Arme in der Kälte auf der Open-Air-Bühne am Karlsplatznoch ihre Kleidung suchen, und da wurde es dann doch noch ein wenig unwürdig. Die "Stefan, Stefan“-Sprechchöre freilich, die wollten immer noch nicht verstummen. Weber kam tatsächlich noch einmal auf die Bühne und bekam den Disput um einen jungen Punk mit grünem Iro mit. "Haut’s eam zam!“, sagte er. "Zu an Drahdiwaberl-Konzert geht ma ned mit grüne Hoa, bei an Drahdiwaberl-Konzert is ma anständig!“ Ein schönes Schlusswort.

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Nasskalt war es auch tags zuvor, dazu wehten grausliche Windböen über den Rathausplatz, als die Wiener Festwochen ihre große Eröffnungsparty schmissen. Einige wenige Tapfere harrten aus - trotz des Wetters, bei dem man ansonsten nicht einmal den sprichwörtlichen Hund vor die Tür jagt. Sie bekamen Musik unter dem Motto "Wien, Wien, nur du allein?“ geboten. Durch den Abend führte der allseits beliebte Schauspieler Nicholas Ofczarek, routiniert wie eh und je. Einige Besucher waren offensichtlich nur seinetwegen gekommen, wie das Gekreische neben uns vermuten ließ. Die Strottern eröffneten die feierliche Sause, gefolgt vom fast unerträglichen "Operette meets Schrammeln“-Sound mit Tenor Michael Schade und Mezzosopran Angelika Kirchschlager. Auch Ernst Molden, Willi Resetarits, Ursula Strauss und Fatima Spar probierten sich am Wienerlied, nicht alle wurden dieser Aufgabe gerecht. Nach einer Stunde fader Nummernrevue mit viel zu viel Operettensound und waschelnassen Füßen haben wir uns dann geschlagen gegeben. Vielleicht hätten wir uns mit der Übertragung im Fernsehen begnügen sollen. Besser für unsere Bronchien wär’s auf jeden Fall gewesen.

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Eindeutig besser hatten es all die jungen Menschen erwischt, die in der Kunsthalle am Karlsplatz zur Musik von Venus Jazmin Soto alias Venus X tanzten, einer New Yorker Partyqueen mit lustigem Kraut-und-Rüben-Auflegestil und extravaganter Kleidung. Vielleicht mag die nächstes Jahr ja auch zu den Festwochen kommen?

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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