Ein Jahrzehnt wird besichtigt

Die Filmreihe "The Real Eighties" widmet sich dem US-Kino einer ungeliebten Epoche

Gerhard Midding | aus FALTER 20/13 vom 15.05.2013

Die Absichtslosigkeit, mit der Filme einen Anker in die Zukunft werfen, ist mitunter erstaunlich. In "Mike's Murder" beispielsweise drängt fast jede Szene auf die Erfindung des Mobiltelefons. Unablässig versuchen die Figuren, einander zu erreichen. Es ist ihr erster Impuls, sobald sie eine Wohnung betreten. Selten ist der gewünschte Gesprächspartner tatsächlich da. Obgleich nicht mehr aus schwerem Bakelit, sind die Telefone des Jahres 1984 immer noch wuchtige Apparate; Anrufbeantworter sind so groß, dass man sie für Videorecorder halten könnte. Die Kommunikation ist freilich schon so flüchtig und unverbindlich wie in unserer Zeit der totalen Verfügbarkeit.

Der Tennislehrer, Gelegenheitsdealer und -stricher Mike würde gewiss auch in einem heutigen Film ermordet werden und seine sporadische Geliebte Betty am Ende so ratlos sein wie zuvor. Es würde nur alles etwas schneller gehen, stammte James Bridges' seinerzeit verkannte und auch heute nur mit Mühe zum Meisterwerk aufwertbare Noir-Etüde aus unserem Jahrzehnt. Tatsächlich ist der entspannte Umgang mit dem Verstreichen der Zeit, das nonchalante Zögern, gleich an einer Handlung zu arbeiten, ein aufschlussreiches Kriterium für den Epochenvergleich. Aktuelle Hollywoodproduktionen mögen zwar länger dauern, aber sie nehmen sich für nichts mehr Zeit.

In den 1980ern durfte das noch anders sein. In Bill Forsyths "Housekeeping" ist allein schon der lyrisch entschleunigte Erzählrhythmus eine Geste der Parteinahme für seine Charaktere. Der Film erzählt nicht viel mehr als das Heranwachsen zweier Halbwaisen in der Obhut ihrer exzentrischen Tante. Die drei Frauen führen ein verwunschenes Leben, kommen der Gesellschaft heldenhaft abhanden und unterwerfen sich nicht deren Konformitätsund Leistungsdruck. Der Film des Schotten Forsyth ist ein widerspenstiger Schelmenroman, der dem System heute wohl schwerlich unterlaufen würde. Darin ist er eines der schönsten Argumente, mit denen die Retrospektive des Filmmuseums ein übel beleumundetes Filmjahrzehnt rehabilitieren will, dessen größter Fehler es war, auf den heroischen Aufbruch des New Hollywood zu folgen.

Tatsächlich ging damals eine Menge schief; überdies auf zukunftsträchtige Weise. Das Blockbusterkino nahm mächtig an Fahrt auf und brachte eine ungekannte Formelhaftigkeit mit sich. Filme trugen mit einem Mal eine römische Zwei oder Drei im Titel. Remakes kamen wieder in Mode, einige von ihnen pfiffig ("No Way Out"), andere ziellos ("Breathless") oder uneingestanden ("Someone to Watch Over Me" hat Richard Quines "Pushover" mehr zu verdanken, als Ridley Scott je zugeben würde).

Filme entstanden plötzlich als Pakete, die nicht von Produzenten oder Regisseuren geschnürt wurden, sondern von mächtigen Agenturen. Das Design ergriff Besitz vom Hollywoodkino, nicht nur im Bereich des Szenenund Kostümbilds ("American Gigolo"), sondern auch des Darstellungsstils (Richard Gere, Mickey Rourke) und der Drehbuchkonzeption (High-concept films machten Furore, deren Handlung sich in weniger als 25 Worten pitchen ließ). Allerdings erlebte Hollywood auch einen Quantensprung der Produktivität: Die Anzahl der gedrehten Filme stieg zwischen 1980 und 1989 von 125 auf 446.

Das Blockbusterkino konnte sein Verdrängungswerk also nicht ganz uneingeschränkt betreiben. Stattdessen florierte eine ästhetische und ökonomische Mittellage, die dem US-Kino heute vollends wegzubrechen droht. Den Wildwuchs, der sich dort entfalten konnte, bildet die Filmauswahl stimmig ab. Gewiss, die Arbeiten von Außenseitern durften nicht mehr ganz so räudig sein wie noch ein Jahrzehnt zuvor. Sofern das Budget jedoch nicht exorbitant und der Erzählstil nicht zu sperrig waren, gewährten Studios Regisseuren und Autoren Freiräume.

Ihre Filme huldigten einfallsreich dem Film noir (etwa Michael Mann in "Thief" oder Jonathan Demme in "Something Wild", der dem Kino mit Melanie Griffith eine der tollsten Femmes fatales bescherte). Sie setzten sich kritisch mit der US-Außenpolitik auseinander ("Under Fire" von Roger Spottiswoode), verlegten den Vietnamkrieg triftig an die Heimatfront ("Southern Comfort" von Walter Hill). Ihre Helden mussten nicht politisch korrekt agieren (wie in "Year of the Dragon" von Michael Cimino nach einem Drehbuch von Oliver Stone). Veteranen wie Sidney Lumet ("Prince of the City", "Running on Empty") zeigten sich auf der Höhe der Zeit oder schufen, wie Robert Aldrich, angemessen rüde Schwanengesänge ("All the Marbles"). Zu etlichen der ausgewählten Filme lassen sich bezeichnendere Alternativen finden, doch über Lawrence Kasdan, Barry Levinson oder Robert Towne erhebt der aktuelle Zeitgeist wohl keine Bewunderungspflicht mehr. So oder so, die 1980er können ganz so schlecht nicht gewesen sein.

Österreichisches Filmmuseum, bis 23.6.


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