Zeit am Schirm

TV-Kolumne

Medien | Matthias Dusini | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Was wäre die Dramaturgie eines Fernsehfilms ohne Wein? Wenn die Agentin Carrie Mathison in der Serie "Homeland“ etwa wieder einmal ein Attentat auf den Präsidenten verhindert hat, kommt sie nach Hause und trinkt ein Glas kalifornischen Chardonnay. Im "Tatort“ wird das Bier nach Feierabend immer mehr zum Statussymbol von Kommissaren, die kurz vor der Pensionierung stehen. Ihre Nachfolger greifen längst zum Ruländer, um nach einer anstrengenden Mordermittlung runterzukommen. Auch in Liebesgeschichten ist es inzwischen selbstverständlich, dass Gespräche bei einem Glas Wein stattfinden. Nur jene Figur bestellt Schnaps, die die Rolle eines versoffenen Losers spielen muss. Der Siegeszug des Weins symbolisiert die Verbürgerlichung des Fernsehens. Die Welt der Glotze spaltet sich: Die einen schwenken den Kelch, die anderen lassen das Sixpack zischen. Das Qualitätsfernsehen schlürft, das Unterschichten-TV säuft.


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