Enthusiasmuskolumne  

Lieserl, komm mit mir ins Paradieserl

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Diesmal: Das beste Fastfood der Welt der Woche

Wer die Ernährungsgewohnheiten seiner Zeitgenossen einer gelegentlichen spontansoziologischen und -ökonomischen Erkundung unterzieht, wird immer wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das betrifft nicht nur die sattsam bekannten und beklagten Verstöße wider vernünftige Ernährung, sondern auch die Inflation auf dem Nahrungsmittel- und Gastrosektor, die durch die Einführung des Euro möglich gemacht oder bezweckt wurde: Kein Mensch, der bei Sinnen ist, wäre davor bereit gewesen, zehn Schilling für eine Handsemmel oder 50 Schilling für eine Melange auszugeben.

Die Neigung, ein halbes Monatsgehalt für Lifestyle-Schnickschnack wie Coffee-, Curry- oder Sushi-to-Go auszugeben, scheint indes ungebrochen; Menschen, die nicht ganz so viel auf die öffentliche Zurschaustellung des eigenen business geben, sieht man in den Büros und Agenturen der Stadt unter Zuhilfenahme von Pfeffermühlen, Balsamico-Zerstäubern und Parmesan-Hobeln eigenhändig zerpflückte Salate arrangieren.

Natürlich ist das alles grober Unfug, zumal gerade das beste Fastfood der Welt Saison hat. Billig, praktisch und gut, erfreut das Radieschen Auge wie Gaumen gleichermaßen. Auf dem Weg in die Arbeit kann man es am oder im (Super-)Markt bundweise erstehen; ein Messer, Fließwasser und ein wenig Salz reichen für die artgerechte Zubereitung dieser Köstlichkeit aus (siehe auch Rezept auf Seite 40).

Wer über ein Mindestmaß an antizipativer Intelligenz verfügt (Butter beim frühmorgendlichen Harnlassen schon mal aus dem Kühlschrank nehmen), bebuttert zwei Brotscheiben, pappt sie zusammen und belegt sie am Arbeitsplatz mit Radieschenscheiben, um eine Kollegin namens Elisabeth zum gemeinsamen Radieserlbrotverzehr einzuladen.


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