Stadtrand 

Schauen, lachen und musizieren verboten

Urbanismuskolumne

Stadtleben | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Die Wiener Öffis sind ein Hort der Trauer und des Grants. Als Wiener weiß man das nicht nur, man hält sich auch an die ungeschriebenen Spielregeln, die da lauten: kein direkter Blickkontakt (maximal via Glasspiegelung im Fenster), kein Lächeln, keine offensichtlich gute Laune und vor allem keine Musik! Steht ja eigentlich schon in der Betriebsordnung der Wiener Linien, dass Betteln, Hausieren und Musizieren verboten sind. Wie aber schaut es aus, wenn man irrtümlicherweise gut gelaunt in die U-Bahn einsteigt und eine Melodie auf den Lippen hat? Das kann gefährlich werden! So geschehen unlängst auf der Linie U4: Eine junge Frau steigt beschwingt in den knackevollen Waggon. Mit ihrem Lächeln auf dem Gesicht wirkt sie wie ein Wesen von einem anderen Stern. Zwischen Ellenbogen und Achselhöhlen strahlt sie vor sich hin. Dann beginnt sie leise vor sich hinzusummen. Erst kaum hörbar, dann immer lauter und inniger. Geistesabwesend starrt sie aus dem Fenster, immer noch ein Lächeln auf den Lippen, bis sie ihr Gegenüber anschnauzt: "Hoit die Papp’n!“


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