Logbuch

Lass dir das gesagt sein, Rotznase

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

12.5. Als ich Mitte 20 war, habe ich einmal über die Art geschrieben, in der Elfriede Jelinek ihr Älterwerden angelegt hatte. Es war sehr gemein. Wenn man jung ist, ist einem zwar bewusst, dass etwas Derartiges wie ein Alterungsprozess für Lebewesen aller Art vorgesehen ist, und man bemerkt auch, dass es rund um einen herum geschieht, glaubt aber irgendwie trotzdem, man sei die Einzige, die es nicht ereilt.

Dann wird man älter. Es herrscht in dieser Angelegenheit, das sei allen arroganten, jungen Großmäulern ins Smartphone getippt, eine für den Planeten Erde ganz atypische Gerechtigkeit, weil das Älterwerden absolut zuverlässig jeden ereilt, auch dich, Rotznase. Außer jetzt natürlich, du stirbst jung, wobei es sich aber um eine extrem unbefriedigende Art der Vergreisungsprävention handelt. Besser also, man wird älter, auch wenn die Sache sehr problematische Aspekte hat, wie ich nun bestätigen kann. Man ist jung, man ist jung, man ist jung und plötzlich ist man nicht mehr jung und entweder ignoriert man das und wird peinlich, oder man ist gezwungen, sich selbst als nicht mehr jung zu visionieren und zu akzeptieren; mit allen Konsequenzen. Das ist bitterer, als man glaubt. Mach ich dann morgen. Oder nächstes Jahr.

14.5. 7.10 Uhr Und wieder etwas gelernt. Wenn man Zug fährt, soll man einen Platz reservieren, auch wenn man ganz allein fährt. Züge sind jetzt immer voll und schon vor der Abfahrt praktisch zureserviert, selbst in der ersten Klasse.

7. 50 Uhr. Es hat auch keinen Sinn, um Kaffee zu betteln. Der Kaffee kommt, wenn er kommt, und das ist in diesem Fall nicht vor St. Pölten.

15.5. In Zürich ist das Telefonieren in der Tram total verpönt, was mir klar wird, als mich ein Mann empört zur Rede stellt, weil ich ein entschieden dezibelschwaches Gespräch mit einem der Mimis führe. Das sei nun, sagt der Mann, eine totale Zumutung den anderen Fahrgästen gegenüber. Ach, wirklich? Wo sind wir hier, in der Kirche der Stille und der Dezenz und ich störe gerade die Öffi-Liturgie? Ihr Schweizer, echt.

17.5. 8.40 Uhr Wieder nicht reserviert, aber ich bin sehr zeitig da und finde einen einzelnen, praktisch fensterlosen, un- und auch nicht last-minute-reservierten Platz. Alles ist gut.

9.40 Uhr Nichts ist gut. Die Durchsage, der Zug sei überfüllt und Menschen ohne Reservierung müssten ihren Platz an solche mit Reservierung abgeben, versetzt mich in akute Panik. Ich kann also trotz gültigen Tickets jederzeit von diesem Platz vertrieben werden? Es wird nicht schön anzusehen sein, wenn ich mich schreiend widersetzen und dann mit rotem Schädel trotzdem meinen Platz aufgeben werde. Heiliger. Marantjosef. Vielleicht muss ich dieses Logbuch gleich knieend zwischen zwei Waggons fertigschreiben und dann meinen 12-Euro-Poulet-Salat von Sprüngli im Stehen vor einem der Klos gabeln … Würdelos für eine Frau meines Alters, absolut würdelos.


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