Film Neu im Kino

Populär ohne Publikum: "Diamantenfieber"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Juwelenraub in der Kärtnerstraße" hieß eine freche, knappe Hollywoodkomödie von 1932 (Regie: William Dieterle) mit österreichischem Verleihtitel. Auch in Peter Kerns "Diamantenfieber" prallen beim Juwelier am Graben die Klassen und Begehrlichkeiten aufeinander: Unter den Blicken der unglücklichen höheren Tochter Melanie (Anna Posch) lässt Überlebenskünstler Hans (sympathisch: Johannes Nussbaum) Schmuck mitgehen. Ans Hollywood der Depressionszeit erinnert nicht nur das zügige Tempo, in dem Kern die Romanze der beiden Teenager durchspielt, sondern auch der unverzagte Tonfall dieses Stadtmärchens: Während sich Melanies Eltern und der Gauneronkel (Josef Hader) von Hans in Intrigen um gefälschte Diamenten verheddern, finden die Jugendlichen sich zu improvisierten Solidargemeinschaften zusammen. "Diamantenfieber" ist ein erstaunlich freundlicher, widerhakenloser Film vom amtierenden Enfant terrible des österreichischen Films. (Sogar drollige Kinderauftritte gibt es.)

Umso klarer lässt der Film erkennen, was am Viel- und Billigfilmer Kern in der österreichischen Filmproduktion wirklich verstörend ist: Mit seinen großen Kinogesten und gesellschaftspolitischen Behauptungen adressiert er kein vorsortiertes Festival- und Arthouse-Publikum, sondern eine breite Öffentlichkeit, die er - und, mit wenigen Ausnahmen, der österreichische Film - realiter gar nicht hat. Das bringt, wo Kerns Filme tatsächlich zu sehen sind, die Bezugssysteme durcheinander. An "Diamantenfieber" stimmen, wenn man es denn darauf anlegt, ein paar hundert Details nicht so richtig. Aber gerade die Spannung zwischen Populismus, privaten Eigenwilligkeiten (Bondage-Einlage!) und sparefrohem Erfindungsgeist in der Inszenierung hält ihn von vorne bis hinten lebendig.

Ab Fr in den Kinos


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