Film Neu im Kino

Präzises Beziehungsbild: "Mutter und Sohn"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Zwei Frauen anfang 60, selbstbewusst, wohlhabend, blondiert: Sie rauchen, trinken, reden. Er habe sie aus dem Auto geworfen, beschwert sich die Architektin Cornelia (Luminita Gheorghiu) über ihren Sohn Barbu. Ihre Schwägerin rät zu Abstand, aber Cornelia kann diesen Rat nicht annehmen. Die überfürsorgliche Mutter ist wie besessen von ihrem einzigen Kind. Als Barbu einen Autounfall verschuldet, tut Cornelia alles dafür, ihren Sohn vor einer Haftstrafe zu bewahren.

Der rumänische Spielfilm "Mutter und Sohn" von Călin Peter Netzer (Buch: Netzer/Răzvan Rădulescu) setzt in medias res ein: Über Jahre hat sich eine verfahrene Beziehung zwischen Cornelia und Barbu aufgebaut, in der sich beide als Opfer sehen. Der Unfall, dessen tatsächliches Opfer zwischen den familiären Reibereien und Machtspielen an den Wahrnehmungsrand gedrängt wird, treibt das schwierige Verhältnis an seine Grenzen.

Netzers Werk erzählt keine spektakuläre Geschichte, auch besitzt er keine übergeordnete Botschaft. Stattdessen wird eine dominante Frauen- und Mutterfigur präzise ausgeleuchtet, die neben ihrer verbissenen "Liebe", der sie die Wahrung von Respekt und Privatsphäre unterordnet, zu keinen anderen Gefühlen mehr fähig scheint. Quasi im Vorbeigehen zeichnet der Film zusätzlich ein Bild der Gesellschaftsschichten im heutigen Rumänien und thematisiert die Konsequenzen, die Cornelias Verhalten auf Barbu und seine Beziehung hat.

"Mutter und Sohn" verbreitet keine angenehme Stimmung und endet etwas plötzlich, trotzdem ist es ein Film zum Genießen: großartiges Schauspiel, intensive Gespräche, dichte Atmosphäre, unter der Oberfläche brodelnde Gefühle und angemessenes Tempo verleihen Netzers Werk hohe Qualität.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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