Kunst Vernissage

Krippenspiel mit Nazi-Offizieren

Lexikon | aus FALTER 21/13 vom 22.05.2013

Seine gewaltvollen Selbstporträts und Darstellungen gequälter Kinder gehörten zu den Aufregern der 1970er-Jahre: Nun widmet die Albertina dem vor 30 Jahren ausgewanderten Gottfried Helnwein eine große Retrospektive. Der Hyperrealist, der heute in Irland und Kalifornien lebt, feiert dieses Jahr seinen 65. Geburtstag. In seiner Heimatstadt fährt er nun 150 Werke auf, darunter Gemälde, Zeichnungen und Fotografien.

Bereits am Beginn von Helnweins Laufbahn steht ein malträtiertes Mädchen: Sein Aquarell "Peinlich" von 1971 lässt auch an die Beschäftigung der Surrealisten mit Puppen denken. Parallel entstehen Aktionen, bei denen sich der Akademiestudent selbst einbandagiert. In Fotoaktionen inszeniert er Aufnahmen mit Kindern. Helnweins schockierende Arbeiten wurden im damaligen Österreich abgehängt, verboten und als "entartet" tituliert. Letztere Schmähung wurde ihm freilich nicht zufällig zuteil. Helnweins Kunst ist maßgeblich vor dem Hintergrund der verdrängten NS-Täterrolle Österreichs zu verstehen. Für die Zeitschrift Profil entstanden zahlreiche Covers, darunter auch das Bild "Lebensunwertes Leben", mit dem sich Helnwein an den NS-Arzt und Gerichtsmediziner Heinrich Gross richtet.

Zu den weniger bekannten Bildserien des Künstlers zählt seine direkte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Bildern wie "Epiphany I", wo er eine Art Krippenszene mit SS-Offizieren und Klein-Adolf als Christuskind dargestellt hat. In Köln erinnerte der Künstler 1988 an die Novemberprogrome mit einer Installation, die aus den Großfotoporträts weiß geschminkter Kinder bestand. Helnweins jüngste Zyklen zeigen stark blutende Kinder in Uniformen und mit Waffen, die auf Kindersoldaten ebenso wie auf Amokläufer in US-Schulen verweisen. NS

Albertina, Fr 18.30; bis 13.10.


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