Logbuch

Das war hoffentlich kein Veganer

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 22/13 vom 29.05.2013

17.5., 16.05 Uhr Niemand hat mich von meinem Platz verjagt. Ich sitze von Zürich bis St. Pölten, schaue zu meinem Streiferl Fenster hinaus und höre James Blakes "Overgrown“.

Der Lange und die Mimis holen mich in St. Pölten ab. Ich habe Geschenke dabei, und für den Geburtstagslangen eine Torte von Sprüngli. Der hat aber gerade drei Tage mit seiner Mutter verbracht und die dazugehörige Laune. Im Auto hören wir auf Wunsch der Mimis "Get Lucky“ von Daft Punk auf Repeat. Meine Kinder! Ich bin so stolz auf sie.

19.36 Uhr Das Geburtstagsessen besteht aus gegrillten Frankfurten und Torte, weil der Lange im Supermarkt zwar dicke Fleischstücke in die Luft gehalten und gefragt hat, ob die okay seien, sie dann aber offenbar in den Einkaufswagen von wem anderen gelegt hat. Der war hoffentlich kein paranoider Veganer.

26.5., 9.38 Uhr Jeden Tag im Jahr steht der Lange zwischen sechs und sieben auf und bringt mir, ganz vorbildlich, Kaffee ans Bett, aber einmal im Jahr schläft er mal richtig aus. Heuer wählt er dafür den Morgen nach der Kindergeburtstagsübernachtungsparty.

Nachdem man ein klebriges, popcornverseuchtes Teenie-Heimkino in einen schön gedeckten Frühstücksraum verwandelt hat und sieben johlende Mädchen am Tisch glücklich Spiegeleier, Torte, Kakao und warme Semmeln einischaufeln, schreitet der Lange mit zerzaustem Haar die Stiege herab und sagt: Ah, du warst ja schon fleißig.

Ja, das war ich, aber der Lange war die Tage davor auch sehr, sehr fleißig, hat den ganzen Partybedarf und das Essen besorgt und dann ging auch noch die Waschmaschine ein, so dass er irgendwo im Waldviertel eine neue besorgen musste, die aber irrtümlicherweise exakt zu der Zeit, als der Lange 50 Kilometer entfernt beim local dealer ankam, von diesem geliefert wurde, was der am Telefon aber so waldviertlerisch ausgedrückt hatte, dass ich es nicht geschnallt hatte, äh ja. So bin ich jetzt ganz heitere, liebevolle Gelassenheit. Außerdem habe ich ein neues Vorbild: die Horwathin.

Der kleine Horwath hatte nämlich letzte Woche Geburtstag und dazu alle Buben aus seiner Klasse für das gesamte Wochenende eingeladen. Das waren sehr viele, und ein Dutzend Eltern saß auch noch am Tisch. Und gerade als die Horwaths nach zwei Tagen voller Torte und Würstelgrillage und KannicheinenSaft? und Wasserpistolenschlachten und SchnelleinPflaster!!! und lustigen Nächten 50 gebratene Hühnerhaxen mit einem Riesenbottich Reis servierten, sagte einer der Buben, ach ja!, er hat ja die Zutaten für Wraps dabei und macht die jetzt, die müsste man dann grillen. Die Horwathin stand einfach auf und heizte den Grill an.

Und dabei lächelte sie. Dieses Lächeln, dieses warme innere Strahlen will ich jetzt auch, und wie bei der Horwathin soll es auch auf meinem Antlitz ganz ohne die Hilfe von Pharmazeutika erscheinen. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

Doris Knecht ist ganz heitere Gelassenheit


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