Vor Wagners Holländer irrte der Verdammte der Meere als französischer Schwede herum

HEINZ RÖGL | aus FALTER 22/13 vom 29.05.2013

Richard Wagner hatte seinen Prosaentwurf für "Der fliegende Holländer" aus Geldnot für 500 Francs an die Pariser Oper verkauft. Dieser wurde unter dem Titel "Le vaisseau fantôme, ou Le maudit des mers" ("Das Geisterschiff") nach einem sich daran orientierenden neuen Libretto vom Kapellmeister Pierre-Louis Dietsch vertont und elfmal aufgeführt. Wagner gelang es nicht, einen Kompositionsauftrag für die Pariser Urfassung zu bekommen, vor der Dietsch-Aufführung 1842 war seine Partitur längst fertig, der "Holländer" kam zwei Monate später in Dresden heraus. Dirigent Marc Minkowski bietet mit seinen Musiciens du Louvre nun im Konzerthaus alle zwei Opern im spannenden Doppelpack an einem Tag. Der an Heine orientierte Stoff des auf den Meeren Herumirrenden, der nur durch ein Opfer absoluter Liebe durch eine Frau erlöst werden kann, findet sich in beiden Werken.

Dietsch war auf Betreiben Gioachino Rossinis zu seinem Amt an der Académie royale de musique gekommen, und Rossini ist ein wichtiges Stichwort: Um 1840 dominierte der italienische Belcanto den Geschmack des Pariser Publikums. Dietsch schreibt seiner Primadonna, die bei ihm Minna statt Senta heißt, große Arien mit Koloraturen und dem Kapitänsvater auch Bassbuffo-Couplets, er vermag auch Gewitterstimmungen zu komponieren, der Holländer ist bei ihm ein Schwede namens Troïl. Also mehr als nur eine aus der Versenkung geholte kuriose Rarität.

Und warum dirigiert Minkowski Wagners "Holländer" in der Originalversion von 1841, die oft einen Ton höher liegt? Das erklärt er im Falter-Interview so: "Weil sie viel näher am Belcanto ist. Vor allem bei Senta. Ich möchte bei aller Kraft, die in Wagners Musik steckt, das Lyrische zum Klingen bringen. Bellinis 'Norma' war eine seiner Lieblingsopern, vielleicht erinnert Sentas Ballade deshalb an die 'Casta diva'."

Minkowski gab im Theater an der Wien im Jänner ein sehr gutes Wagner-Konzert, auch mit dem Sänger des Holländers, Evgeny Nikitin, der sich schon damals nicht zum Großbühnenton versteigen musste. Minkowski über ihn: "Er singt beinahe ohne Vibrato und vor allem brüllt er nicht."

Konzerthaus, Sa 16.00 bzw. 19.30


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